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Anruf aus Hollywood

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 149/Juli 2005

Studenten-Oscar für die Hamburger Schauspielerin und Regisseurin Ulrike Grote

(aus Hinz&Kunzt 149/Juli 2005)

Sie ist in den vergangenen Wochen zum Shooting-Star der deutschen Filmszene geworden: die Hamburger Regisseurin Ulrike Grote. Hollywood hat ihr für den Film „Ausreißer“ den begehrten Studenten-Oscar verliehen. Hinz&Kunzt traf Ulrike Grote in Eppendorf.

Als erstes fallen ihre Augen auf. Augen, die ganz ganz klar sind, aber deren Farbe man gar nicht recht beschreiben kann. Vielleicht blau, so ein ganz helles. Aber blitzt da nicht auch ein Funke grün auf? Oder sind sie doch eher grau, mit einem Stich ins Blaue? Bleiben wir einfach bei hell. Hell und klar, das passt zu Ulrike Grote. Der Frau, die in den vergangenen Wochen zum Shooting-Star der deutschen Filmszene geworden ist. Der Hamburger Regisseurin, der Hollywood den begehrten Preis der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ verliehen hat, den so genannten Studenten-Oscar. Prämiert wurde ihre 20-minütige Abschlussarbeit der Hamburg Media School: „Ausreißer“. Ein Film über den arbeitslosen Architekten Walter (Peter Jordan), vor dessen Tür eines Morgens ein völlig fremdes Kind (Max Werner) steht, das behauptet, es sei sein Sohn, und ihn fragt: „Bringst du mich zur Schule?“ Eine Vater-Sohn-Geschichte, das lag ihr am Herzen: „Mein 13-jähriger Sohn lebt seit unserer Trennung hauptsächlich bei seinem Vater. Ich wollte was mit einem Kind machen.“

Ein Oscar – das ist beileibe kein schlechter Start für eine Hamburger Film-Studentin, die frisch von der Uni in das Haifischbecken des Film-Biz springt. Obwohl „Studentin“, das passt gar nicht auf die 41-jährige Regisseu-rin, auch wenn sie zum Interviewtermin sommerlich lässig in Flipflops erscheint. Hier im Eppendorfer Bistro „Wein Gut“, ihrem Stammlokal, sitzt kein Girlie, sondern eine taffe Frau, die ein ganz klares Ziel verfolgt. „Dieser ganze Rummel um den Oscar, der Stress, die Feiern, das muss jetzt aufhören“, sagt sie. „Ich muss an meinem neuen Film arbeiten, schreiben, drehen, die Finanzierung klarkriegen.“

Der Oscar hat Türen geöffnet, ohne Zweifel: „Die Agenturen in Amerika sind wie wild hinter mir her im Moment“, sagt Ulrike Grote, die sich aber trotzdem nicht vorstellen kann, in Hollywood zu drehen. „Ich kenne mich in den USA nicht aus, ich war jetzt zum ersten Mal überhaupt da. Ich bin hier, und hier müssen auch meine Filme gemacht werden. Ich kann die Sprache ja auch gar nicht. Ich mach jetzt erst mal einen Englisch-Kurs, bevor ich an Hollywood denke.“

Ihr neues Projekt dreht sie deshalb „natürlich“ in Hamburg: „Es wird ein Kinofilm über eine Familie, über Trauer, Abschied, mit viel Situationskomik, die aus Extremlagen entsteht. Menschen können in ihren kleinen Nöten ja so saukomisch sein.“

Der Inhalt des Episodenfilms in Kürze: Ein Familienvater fällt nach einem Herzinfarkt ins Koma, am Krankenbett versammelt sich die gesamte liebe Verwandtschaft. „Plötzlich kommen all die Dinge, die jahrelang unterm Deckel gehalten wurden, hervor: Eifersucht, Hass, Neid, Liebe. Es entsteht viel Absurdes, das Ganze wird ein komödian-tisches Drama, eine dramatische Komödie.“ Ulrike Grote hält sich auch bei ihrem neuen Film an den Ratschlag ihres Lehrers Hark Bohm („Nordsee ist Mordsee“): Such dir einen Stoff, der mit deinem Leben zu tun hat, der aus deinem Umfeld entspringt! Sei authentisch! Und so trägt der neue Film autobiografische Züge: „Mein Vater hatte auch einen Herzinfarkt. Ich kenne diese Extremsituation ganz gut.“ Gedreht wird ab Februar, wieder mit ihren Lieblingsschauspielern Peter Jordan und Monica Bleibtreu. Mit dabei auch Jana Striebeck, die kleine Schwester von Katrin Striebeck.

Fans von Ulrike Grote müssen bis zum Filmstart vorerst mit der Schauspielerin Grote vorlieb nehmen. Zurzeit ist sie noch jeden Dienstag im Ersten an der Seite von Dieter Pfaff in „Der Dicke“ als Nachbarin des korpulenten Anwalts zu sehen. Zwischen den Film-figuren knistert es ja gewaltig. Aber die Frage, ob sich Anwalt und Nachbarin am Ende nun endlich kriegen werden, verrät Ulrike Grote nicht: „Es soll ja spannend bleiben, aber es werden Dinge passieren…“

Filmschauspielerin will sie auch nach ihrem großen Erfolg in Hollywood bleiben: „Ich muss ja Geld verdienen.“ Da ist Ulrike Grote ganz pragmatisch und ehrlich. Demnächst ist sie in einem Film über das Segelschiff „Die Pamir“ zu sehen.

Die Karriere als Regisseurin ist für sie schon die zweite. Elf Jahre war sie Mitglied des Schauspielhaus-Ensembles, 1994 kürte sie die renommierte Zeitschrift „Theater Heute“ zur Schauspielerin des Jahres. Doch dann kam der Sparzwang für die Theater und für Ulrike Grote die Kündigung: „Das Ensemble musste verkleinert werden“, erinnert sie sich. „Da stand ich nun, Mitte Dreißig, Familie, kein Job, kein Geld. Wenn nicht bald was passiert, sind wir alle ganz schnell ganz woanders“, habe sie damals gedacht. „Ich hab alles verkauft, das Auto, die große Wohnung aufgegeben. Man muss sich von Sachen verabschie-den, damit man frei und wach bleibt.“

Zum Glück habe sie in jener Zeit gute Freunde gehabt: Monica Bleib-treu bot ihr einen Vertretungsjob als Dozentin bei der Musicalschule Stella Academy an. „Das hat mir irren Spaß gemacht, ich kam über die Schule zum Inszenieren, dann zum Drehen.“ Im Nachhinein sei ihre Kündigung beim Schauspielhaus „das Beste gewesen, was passieren konnte“, so Grote. „Ich hab gemerkt, ich bin zwar eine gute Schauspiele-rin, aber Regieführen, das kann ich noch viel besser – und vor allem war es das, was ich schon machen wollte, seit ich 19 war, ich hatte mich nur nicht getraut. Ich habe jetzt meinen Beruf gefunden.“

Sie glaube übrigens, dass jeder Mensch besondere Fähigkeiten habe. „Das müssen nicht immer die tollen Kreativberufe sein. Neulich zum Beispiel war im Zug so ein toller Zugbegleiter, der hat den ganzen Waggon unterhalten, dem machte das so einen Spaß, das war sein richtiger Beruf, sein Ding. Ich glaube, jeder hat so eine Begabung.“ Eltern und Schule müssten sie schon bei Kindern nur erkennen und fördern: „Meine eigene Schulzeit war eine Katastrophe, ich bin ohne Abi abgegangen“, erklärt die in Süddeutschland aufgewachsene Grote, die mit 19 ein Schauspielstudium in Berlin begann.

Mit 38 Jahren schrieb sich Ulrike Grote dann an der Hamburg Media School an die Uni ein. „Da sagten vielleicht auch einige: So eine alte Tante, muss die das denn noch machen und Steuergelder verschwenden?“ Ja, sie musste. Ganz klar!

Ist sie denn jetzt, vor allem nach der Oscar-Verleihung, glücklicher als vorher? „Nee, natürlich nicht, Amerika, das ist was ganz Tolles gewesen, aber glücklich war ich vorher schon.“ Und damit ist doch jetzt alles klar, oder?

Petra Neumann

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