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Ein Dichter zwischen Sofakissen und Saftpresse

31. Mai 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 220/Juni 2011

Wenn das Möbelhaus habitat abends schließt, schlägt die Stunde von Sven Amtsberg. Jedenfalls am 16. Juni, wenn der Autor und Moderator im Rahmen der Literatur-Altonale „Die Wahrheit übers Wohnen“ erzählt – zwischen Gartenstuhl Belize und Picknickset Mimi.

(aus Hinz&Kunzt 220/Juni 2011)

Das etwas andere Wohnvergnügen: Sven Amtsberg (links) und Pascal Finkenauer bei habitat.

Das etwas andere Wohnvergnügen: Sven Amtsberg (links) und Pascal Finkenauer bei habitat.

Sven Amtsberg ist einer, dem man alles zutraut. Er kann so treuherzig lächeln, dass man ihm sofort seine Kinder zum Babysitten anvertrauen würde. Aber im nächsten Moment erzählt er eine so haarsträubende Anekdote, dass man sich vor Lachen in die Hand beißen möchte. Während die Zuschauer sich bei habitat auf Betten lümmeln oder zwischen Küchenschränke quetschen, fabuliert Sven Amtsberg über Möbel, Design und das Leben, erfindet biografische und kulturelle Details und schleust dabei die Gäste im Laufe des Abends von der Badezimmerabteilung bis zu den Sonderangeboten. Und das Publikum folgt ihm willig.
Der 38-Jährige ist eben unterhaltsam und hat sich durch seine vielen Veranstaltungen eine solide Fangemeinde aufgebaut. In seiner Veranstaltungsreihe „Die Wahrheit über …“ stellt er regelmäßig Hamburger Stadtteile mit erfundener Historie vor: Ist denn bekannt, dass Ottensen einst eine Insel im Mittelmeer war, von Kapitän San Diego nach Altona geschleppt? Und wurde in Rahlstedt wirklich der Kaffeefilter erfunden? Was er bisher auf seinen Stadtteilerkundungen erforscht hat, scheint so ergiebig zu sein, dass daraus demnächst ein Buch entsteht: „Die Wahrheit über Deutschland“ soll Ende des Jahres erscheinen.
Kurios sind auch die Auftritte selbst. Mal improvisiert er locker aus der Hüfte, im nächsten Moment liest er strikt vom Blatt ab. Aber was er liest, ist stets gut: Der poetische Münchhausen schreibt, seit er 18 Jahre alt ist, und hat zwei Hamburger Literaturpreise gewonnen. Außerdem ist er Verleger und Veranstalter und weiß, wie gute Unterhaltung funktioniert.
Beim Entertainment zwischen Sofakissen und Saftpresse unterstützen Sven Amtsberg im Möbelhaus zwei andere Meister des Wortes. Aus Berlin reist Dr. Jakob Hein an. Der studierte Mediziner schreibt seit zehn Jahren Bücher und ist ebenfalls ein Garant für Witz und Prägnanz. Hein ist bei Poetry-Slams aufgetreten und ein Pointen-Profi. Der dritte im Bunde ist Pascal Finkenauer. Der Hamburger Musiker war früher wie Amtsberg dem Punk zugetan, wandert aber musikalisch längst zwischen Pop, Elektro und Chanson. Er tourte ein Jahr lang mit der Band „Fettes Brot“ und hat einige Solo-Alben veröffentlicht. Seine textlich und musikalisch anspruchsvollen Songs passen in keine Schublade, gehen aber häufig direkt ins Herz.
Die Wahrheit übers Wohnen wird man von den drei Herren vielleicht nicht erfahren. Aber wer will die denn auch wissen, wenn man so schön erfundene Geschichten hören kann?

Text: Sybille Arendt
Foto: Hannah Schuh

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