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Altonas neue Mitte

30. März 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 218/April 2011

Im Zentrum von Altona entsteht ein neuer Stadtteil. Die Bürger sollen an der Planung beteiligt werden. Doch das ist gar nicht so einfach.

(aus Hinz&Kunzt 218/April 2011)

218-AltonaEs braucht nur wenige Momente und die S-Bahn ist draußen im Hellen. Fährt aus dem Bahnhof Altona eine kleine Steigung hinauf Richtung Holstenstraße und der Blick weitet sich über das verlassene Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Altona samt der Gleisanlagen. In ein paar Jahren soll hier ein neuer Stadtteil mit 3000 bis 4000 Wohnungen entstehen: „Altona Neue Mitte“.

Für einige Wochen liegen im Altonaer Rathaus Pläne aus, was aus dem Gelände werden könnte. Veronika Hilbermann von der Behörde für Stadtentwicklung (BSE) führt an diesem Nachmittag sehr freundlich interessierte Bürger herum, zeigt den Siegerentwurf des Hamburger Architekten André Poitiers, der die Jury aus Planern, Architekten und auch Bürgern überzeugt hat. Ob wirklich im Detail so gebaut wird, wie der Architekt vorschlägt, ist aber noch offen: Aus dem Entwurf wird zunächst ein Masterplan, dann der Bebauungsplan. Übrigens gehöre der Stadt vom Gelände nicht ein Quadratmeter Boden. Veronika Hilbermann deutet an, dass das für die Stadt keine ganz einfache Position ist: Die Stadt hat zwar die Bauaufsicht, aber sie könne späteren Bauherren nicht vorschreiben, in welchem Umfang Eigentumswohnungen entstünden oder wie hoch die Mieten würden.

Ein älteres, gut gekleidetes Ehepaar kommt vorbei. „Wir wollten mal wissen, ab wann hier gebaut wird, damit wir wissen, wann wir hier wieder wegziehen“, bricht es aus der Frau hervor. Frau Hilbermann fragt vorsichtig nach, woher der ärgerliche Unterton kommt. Nun, die beiden haben sich nach einem langen Berufsleben direkt neben den Bahngleisen eine Wohnung gekauft, genießen den Ausblick über das wilde, leere Areal und profitieren vom nahen Bahnhof – und jetzt soll sich alles wieder ändern.

„Aber Sie gewinnen auch“, versucht es Frau Hilbermann, zeigt auf das Modell mit den Papierwuscheln neben den aufgemalten Gleisen: „Hier entsteht ein kleiner Park mit Bäumen. Da könnten Sie spazieren gehen.“ Und der Altonaer Bahnhof soll verschwinden? Frau Hilbermann erklärt, es gäbe zwei Bauabschnitte. Der erste werde in Kürze in Angriff genommen, für den zweiten Abschnitt hinter der Stresemannstraße müsse der Altonaer Fernbahnhof  hin zum Diebsteich verlegt werden; ab 2017 sei das geplant. Der S-Bahnhof aber bleibe bestehen. Der Mann lacht laut auf: „Die Bahn kriegt doch nix gebacken! Bis 2017 ist die längst pleite!“ Doch langsam beruhigen sich die beiden und verabschieden sich zuletzt recht entspannt.

Warum sind die Leute so misstrauisch, fast feindlich eingestellt, wenn irgendwo gebaut wird? „Die Bürger trauen den Politikern nicht mehr über den Weg“, sagt Hilbermann. Früher hätte man gedacht, das geht schon irgendwie in Ordnung, wenn es hieß: Hier bauen wir eine Autobahnanbindung, dort eine Müllverbrennungsanlage, dort einen Kindergarten. In Altona wirkt sich also Stuttgart 21 aus? Frau Hilbermann nickt. Und daher sei es gut, dass sie im Vorfeld die Bürger informieren und auch in Maßen beteiligen würden. Doch sie ist auch skeptisch, was all die Bürgerproteste angeht: „Oft sind das weniger die Bürger vor Ort, die sich äußern, als gut organisierte Interessengruppen, die genau wissen, was sie wollen und wie sie das durchsetzen können. Das Allgemeinwohl bleibt dabei manchmal auf der Strecke.“ Das sagt Veronika Hilbermann jetzt nicht als Vertreterin ihrer Behörde, das ist jetzt ihre ganz private Einschätzung.

Den Vorwurf, die Anwohner würden nur an sich denken, hat Maren Lorenz schon öfter gehört: „Es ist schon sehr komisch, dass uns Anwohnern immer Eigeninteressen vorgeworfen werden, als sei das etwas Anrüchiges. Dabei will ein Investor doch mit einem solchen Projekt erst mal Geld verdienen und dann zieht er weiter zum nächsten Projekt – er hat also auch ein ganz eigenes Interesse, das man nicht unbedingt teilen muss.“ Die Historikerin hat zusammen mit einem Lokaljournalisten und einem Architekten als Vertreter der Bürger an der Auslobung des Wettbewerbes teilgenommen – wenn auch ohne Stimmrecht. Sie wohnt in der Harkortstraße, gleich gegenüber des zu bebauenden Areals. Und außerdem bot sich ihr so mal die Chance, einen Architekturwettbewerb von A bis Z mitzuverfolgen. „Man ist mit uns Bürgern sehr höflich umgegangen“, erinnert sie sich an die Jurysitzungen: „Aber wenn wir Einblick in den Vertrag zwischen den Grundeigentümern und der Stadt nehmen wollten oder wenn wir beanstandeten, dass viel zu dicht gebaut werden soll, sind wir gegen eine freundlich lächelnde Wand gelaufen.“

Genau deshalb ist Thomas Leske für solche Aktivitäten nicht zu haben. „Akzeptanzmanagement“, so nennt er spöttisch, was die Stadtentwicklungsbehörde da veranstalten würde: Die Bürger dürften aufwendige Powerpoint-Präsentationen verfolgen, dürften hinterher ruhig kritische Fragen stellen und Anregungen geben, auch in einer Jury sitzen – aber mitzuentscheiden hätten sie am Ende nichts. Leske wiederum ist Sprecher der Bürgerinitiative ALTOPIA. Auch er ist Altonaer, aber das sei nicht weiter wichtig: „Der Senat hat dem Bezirk Altona die Planungshoheit entzogen, weil das Gebiet angeblich für ganz Hamburg wichtig sei. Also geht es jetzt auch alle Hamburger etwas an.“

Kritiker sagen, es wird nicht mit offenen Karten gespielt

Leske faltet den Stadtplan von Altona auseinander. Was ihn skeptisch macht? Dass nicht mit offenen Karten gespielt wird. Ein Beispiel: das Engagement der Holsten Brauerei, der ein Teil der Fläche gehört. Schon lange kursieren in Altona Gerüchte, dass Holsten langfristig Altona verlassen und seine Brauerei aufs Land, nach Mecklenburg-Vorpommern verlagern will. Nun ist Holsten eng mit dem Investor ECE verbandelt, der wiederum zur Otto Gruppe gehört. ECE ist dafür bekannt, dass sie große Einkaufszentren in Innenstädte setzt, ohne Rücksicht auf den örtlichen Einzelhandel. ECE managt auf diese Weise in Deutschland 72 Einkaufszentren – aber nicht ein einziges Wohngebiet.

Leske tippt mit dem Finger auf die Gegend um die Brauerei, nahe der S-Bahn-Station Holstenstraße: „Mal angenommen, es wird gebaut wie geplant. Jede Menge Leute wohnen da. Kaufkräftige! Und die Brauerei zieht weg. Entstehen dort weitere Wohnungen oder ein – Einkaufszentrum? Und wer würde das wohl planen?“ Es gäbe dafür schon einen Namen: „Holsten-Center“. Ansonsten empfiehlt er mal einen Blick auf die Webseite der ECE-Stiftung „Lebendige Stadt“. Illustre Namen sind in den verschiedenen Gremien zu finden: Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter und ECE-Chef Alexander Otto; Bürgermeister Olaf Scholz, der ehemalige Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, Hermann-Josef Lamberti von der Deutschen Bank oder Joachim Wieland von der Aurelis Asset GmbH, der andere Teile des Geländes gehören. Auch Architekt André Poitiers ist mit dabei. Leske will keineswegs sagen, dass alles eine große Verschwörung sei. Aber der Bürger bekäme mal einen guten Überblick darüber, wie eng die personellen Verbindungen zwischen Politik, Bauwirtschaft, Investoren und Behörden so seien.

Ortstermin auf dem Gelände. Es weht ein eisiger Wind von Norden her, ein klein wenig wärmer ist es in der Südhalle des ehemaligen Altonaer Güterbahnhofs, für die Cornelia Conrad einen Schlüssel hat. Sie ist Projektleiterin der Aurelis, eines ehemaligen Tochterunternehmens der Bahn AG, die heute je zur Hälfte dem Bauriesen Hoch Tief und dem amerikanischen Rentenfond Redwood Grove International gehört – Letzterer mit Sitz auf den Cayman-Inseln. In der Südhalle sollen sich Gewerbe und kleine Geschäfte ansiedeln. Anders die Nordhalle: Hier wird nur die Stahlkonstruktion stehen bleiben – ein Baudenkmal der besonderen Art. Was nun Frau Conrad aufbringt, das sind die ständigen Verdächtigungen, hier werde ein Edel-Stadtteil errichtet. „Das wird hier keine zweite Hafencity, wo abends nichts los ist und wo man sich höchstens für fünf Euro ein Eis kaufen kann. Das hier ist Altona, wir haben eine gemischte Bevölkerung und das soll auch so bleiben“, sagt sie mit fester Stimme.

Wird es so bleiben? Wer wird hier am Ende wohnen, wenn erst die Gleise abgetragen und die Häuser hochgezogen sind? Längst steht eine Vielzahl Interessierter Schlange. Denn es mangelt in der Stadt nicht nur an bezahlbarem privaten Wohnraum für die oft zitierten jungen Familien. Ob Kindertagesstätte oder Mehrgenerationenhaus, ob Wohnprojekt oder medizinische Ambulanz – auch viele soziale und öffentliche Einrichtungen haben es nicht leicht, irgendwo unterzukommen. „Wir haben mit der späteren Nutzung und Vermietung nichts zu tun“, sagt Cornelia Conrad.

Die Stadtentwicklungsbehörde wiederum hält sich bedeckt: Derzeit würden alle Anfragen gesammelt und zum richtigen Zeitpunkt begutachtet und berücksichtigt – oder auch nicht. In die Offensive gegangen sind jetzt unterschiedliche soziale Träger wie die Lawaetz-Stiftung, der Verein Autofreies Wohnen und Alsterdorf Assistenz West. Sie rufen unter dem Motto „Eine Mitte für alle“ andere Träger dazu auf, sich ebenfalls zu engagieren – und nicht abzuwarten, bis sich die Stadt endlich rührt. „Steht erst mal der Bebauungsplan, der den Investoren ja Rechtssicherheit gibt, wird es für die Stadt sehr schwer, noch Einfluss zu nehmen“, sagt Karsten Wagner von der Lawaetz Stiftung: „Es geht nicht darum, Grundstücke geschenkt zu bekommen, sondern sie von den Investoren zu moderaten Preisen kaufen zu können.“ Er kann sich gut vorstellen, dass zehn Prozent der Fläche für Baugemeinschaften und soziale Träger zur Verfügung gestellt werden.

Und die Bürgerbeteiligung? Hier sei man aufseiten der Behörden und der Investoren am Überlegen, was die nächsten Schritte sein könnten. Näheres demnächst. Fest dagegen steht: An der Harkortstraße wird in Kürze ein Infopoint errichtet, in dem dann Pläne ausliegen, Broschüren abgeholt werden können und auch mal Informationsabende stattfinden werden. „So, so – ein Infopoint“, kann sich Thomas Leske von der Bürgerinitiative ein Grinsen nicht verkneifen. Es wird niemanden überraschen, dass er darin kein wirkliches Instrument für Bürgerbeteiligung sieht.

Text: Frank Keil
Foto: Mauricio Bustamante


Das Areal des kommenden Stadtteils „Neue Mitte Altona“
umfasst 75 Hektar. Eine Fläche, in die die Hamburger Binnenalster viermal hinein passen würde. Das Gebiet erstreckt sich vom heutigen Fernbahnhof Altona in nördlicher Richtung über die Stresemannstraße bis hoch zum Friedhof Diebsteich. Neben einigenprivaten Grundstücksbesitzern gehört das Gelände zu je einem Drittel der Bahn AG, der Aurelis Real Estate GmbH und der Holsten-Brauerei. Der Architekturentwurf des Büros André Poitiers sieht vor, dass die Häuser in einer ähnlichen Blockweise erbaut werden wie im westlich angrenzenden Haubach-Viertel und wie im östlich folgenden Ottensen. Geplant ist eine fünf- bis sechsstöckige Bebauung. In der Mitte soll es einen öffentlichen Park geben. Erhalten bleiben die ehemaligen Güterhallen, die wie auch der weithin sichtbare Wasserturm unter Denkmalschutz stehen. Büroflächen sollen angeblich nicht entstehen. Planungshoheit hat nicht der Bezirk Altona, sondern die Behörde für Stadtentwicklung. „Altona Neue Mitte“ wird nach der Hafencity das zweite, wichtige Bauprojekt der Stadt sein. Erste Baumaßnahmen sollen im Sommer 2012 beginnen.

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