Alt, krank, obdachlos

Das Diakonische Werk plant ein Pflegeheim für Wohnungslose

(aus Hinz&Kunzt 193/ März 2009)

pflegeBernd ist nicht gut zu Fuß. Das kommt von der Thrombose in den Beinen, an denen er auch offene Wunden hat. Als Drogensüchtiger hat er zehn Jahre lang auf der Straße gelebt. Jetzt ist er von harten Drogen weg, trinkt allerdings regelmäßig Alkohol. Bernd ist 53, sein Körper ist viel älter. Er ist in Hamburg öffentlich untergebracht. Das Zimmer teilt er sich mit zwei anderen. Ihr gemeinsames Badezimmer ist klein und die Dusche nicht behindertengerecht. „Das kann nicht klappen“, sagt Frauke Ishorst-Witte. Die Ärztin behandelt in ihrer Sprechstunde für Obdachlose Bernds Bein, legt ihm Wundverbände an, „mehr kann ich nicht tun.“ Eigentlich gehört Bernd in ein Pflegeheim. Doch so gut ihm seine Ärztin und Sozialarbeiter zureden: In ein Heim will Bernd nicht. „Er fürchtet, dass er dort unter Beobachtung stehen und man ihm das Trinken verbieten würde“, sagt Ishorst-Witte. Außerdem: Einer wie er an einem Tisch mit einer 70-jährigen Dame mit Normalbiografie? „Da prallen Welten aufeinander“, sagt Ishorst-Witte. Also behauptet Bernd, es ginge ihm gut. Selbst wenn er an manchen Tagen nicht aus dem Bett kommt.
Ähnliche Biografien wie Bernd haben viele Menschen, die auf der Straße leben oder gelebt haben. Oft sind sie süchtig oder psychisch auffällig. Kälte, Nässe, Gewalt, Schutzlosigkeit und mangelnde Körperpflege machen krank. Aber einen Ort, an dem tage- oder wochenweise, aber auch dauerhaft Pflegeplätze speziell für wohnungslose Menschen angeboten werden, gibt es in Hamburg nicht. Das soll sich ändern: Auf einer Tagung hat das Diakonische Werk jetzt das Konzept eines solchen Heims vorgestellt. 40 bis 50 Plätze für Wohnungslose soll es bieten. Die Mitarbeiter sollen dafür sorgen, dass ihre Patienten die Kranken- und Pflegeversicherung überhaupt in Anspruch nehmen. Das braucht Zeit: Wegen des fehlenden Krankheitsgefühls und weil viele Wohnungslose Angst haben, zum Arzt oder ins Krankenhaus zu gehen. „Sie fürchten, in normalen Praxen schief angeschaut zu werden“, sagt Ishorst-Witte.
Bis die Einrichtung ihren Betrieb aufnehmen kann, wird es noch dauern. Die Diakonie ist im Gespräch mit der Sozialbehörde. Deren Sprecherin Jasmin Eisenhut sagt: „Wir sind uns einig, dass es Bedarf an speziellen Pflegeplätzen gibt. Wir zielen allerdings auf eine Lösung innerhalb bestehender Einrichtungen ab.“ Diese Lösung sei zwar billig, aber nur für wenige Obdachlose geeignet, so Vorstand Ingo Habenicht. Auch Ärztin Frauke Ishorst-Witte meint: „Wir brauchen für diese Menschen ein spezielles Heim.“ Vorerst bleibt ihr nichts anderes übrig, als weiter regelmäßig Wundverbände zu erneuern. Das jedoch reicht der Diakonie nicht.

Text: Beatrice Blank
Foto: Mauricio Bustamante

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