Porträts von Menschen, die etwas bewahren

Alle meine Retter …

Der eine versucht die deutsche Sprache zu bewahren, die  andere forscht nach Euthanasieopfern. Ein Kind gibt alles für den FC St. Pauli, und ein Mann schützt alte Bunker. Aber alle saßen Modell für die Malerin Katrin Stender.

(aus Hinz&Kunzt 239/Januar 2013)

Journalistin, Leselern-Helferin und Malerin: Katrin Stender hat „Alle meine Retter …“ als Buch (BOD, 34,90 Euro) herausgebracht. Darin finden sich Porträts und kurze Texte zu Tierrettern, Rezeptrettern, Datenrettern und weiteren engagierten HELDEN.

Worte sind die Welt der Katrin Stender. Als Journalistin ist sie jahrelang den Dingen auf den Grund gegangen und hat den Verein Mentor Hamburg gegründet – ein Projekt in dem Leselern-Helfer Kindern Bücher näherbringen. Jetzt hat sie sich mit Pinsel und Farbe so dicht an die Menschen herangewagt wie nie zuvor. Ihre Porträts von Rettern sind der Schlüssel zu lauter fesselnden Lebensgeschichten.

Dabei hatte Katrin Stender bis vor sechs Jahren noch nie ernsthaft einen Pinsel in der Hand. Kein Kunst-Leistungskurs in der Schule, keine Volkshochschulkurse, keine Skizzen. Von einem Tag auf den anderen zog es die Autorin 2006 in das Atelier von Jörg Kalkreuter in Ottensen. In dessen Kunstschule beginnt sie zu malen – „erst ein Mal in der Woche, dann zwei Mal und am Ende jeden Tag, wie im Rausch“. Zunächst konzentriert sich Karin Stender auf abstrakte Bilder, später traut sie sich auch an Porträts. 2009 nimmt sie dann ein Projekt in Angriff, das sie seitdem ordentlich auf Trab hält.

Sie möchte nicht einfach nur eindrucksvolle Gesichter malen, sondern interessiert sich auch für die Geschichten dahinter. Eine Serie kann sie sich am besten vorstellen. „Erst hatte ich die Richter des Hamburgischen Verfassungsgerichts geplant“, erzählt Katrin Stender. „Diese Berufsgruppe hätte ich gern ergründet, weil sie mir so fremd ist.“ Aber die viel­beschäftigten Juristen alle als Modelle zu gewinnen funktioniert aus terminlichen Gründen nicht. Sie sucht nach einem anderen Ansatz, um Lebensgeschichten miteinander verbinden zu können und kommt auf die Idee, Lebensretter zu porträtieren. „Doch dann fiel mir ein: Man kann doch eigentlich alles retten, nicht nur Leben.“

Katrin Stender begibt sich auf den Recherchepfad und wird überall fündig. Sie findet Sprachretter, Tierretter, Re­zept­retter und Datenretter. Mit allen hat sie sich mehrmals getroffen und lange Gespräche geführt. „Das waren sehr intime Stunden. Schließlich studiere ich nicht nur die Gesichter, ­sondern werde auch selbst dabei immer angesehen.“ Der Prozess des Malens ist abgeschlossen, jetzt folgt das Zeigen. „Das gehört dazu, denn sonst ist das Bild nicht fertig.“ Einige Bilder hat die Malerin schon 2011 in ihrer Ausstellung „Halbzeit mit Rettern“ gezeigt. Die komplette Serie mit bislang 18 Porträts soll endlich 2013 zu sehen sein. Bis dahin sind die Porträts im kleinen Format zu bewundern. Katrin Stender hat „Alle meine Retter …“ zu einem Buch zusammengestellt. Außer den Bildern sind dort auch kurze Texte über ihre Helden zu finden. Den Menschen schreibend nahezukommen – das fällt der Malerin ja sowieso nicht schwer.

Retter unter sich

Nach der Malerin lernen wir einige der Retter kennen. Vier von ihnen haben sich in dem geräumigen Ottenser Atelier eingefunden, das sie schon von den Malsitzungen her kennen. Jule Fehling, der kleinste, hat nicht viel Zeit. Die Sieben­jährige muss schnell zu einer Ballettprobe, posiert aber dennoch geduldig für die Fotos. „Genauso entspannt hat sie auch für die Bilder Modell gesessen“, meint Katrin Stender. Zum Glück hat Jule ihr Retter-T-Shirt schon an. Das spart Zeit. Das kleine Mädchen ist ein großer St.-Pauli-Fan und liebt es, die Spiele mit ihrem Onkel gemeinsam im Fernsehen anzuschauen. Für Katrin Stender steht Jule symbolisch für alle, die 2003 den Verein mit der Retterkampagne vor dem Abstieg bewahrt haben. „Jeder, der ein Shirt gekauft hat, ist ein  Mit-Retter“, so die Malerin.

Der nächste Kandidat ist Hans Kaufmann. Ein großer, schlanker Mann mit einem gütigen Gesicht. Prüfend betrachtet er sein Porträt. „Sieht mein Mund nicht ein wenig streng aus?“, fragt der 71-jährige ehemalige Schulleiter. „Auf dem Bild sehen Sie nur konzentriert aus“, beruhigt ihn Katrin Stender. Richtig wütend hingegen wird er, wenn es um die deutsche Sprache geht. „Unsere Sprache muss zukunftsfähig bleiben und darf nicht in die Bedeutungslosigkeit absinken.“ Dafür setzt er sich seit 14 Jahren beim Verein zur Rettung der Deutschen Sprache ein – als Regionalleiter in Hamburg.

Dank Hans Kaufmann gibt es in der Hafencity heute einen Chicago-Platz und keinen Chicago-Square. Mit einem offenen Brief an den Bürgermeister und mit Pressearbeit ­habe er dafür gestritten. Aber auch beim Einkaufen versucht der ehemalige Lehrer, die deutsche Sprache zu schützen. Kürzlich hat er die Verkäuferin einer Boutique gefragt, warum denn auf ihrem Schild im Schaufenster nicht „Ausverkauf“ stehe, sondern nur „sale“. Sie verwies achselzuckend auf die Werbeabteilung des Unternehmens. Es gibt noch viel zu tun für Hans Kaufmann.

Auch unsere nächste Retterin war Lehrerin. Hildegard Thevs hat früher an der Wichern-Schule des Rauhen Hauses unterrichtet und stammt aus dem durch den Feuersturm zerstörten Hamm. Sie fühlt sich dem Stadtteil bis heute verpflichtet. Seit Jahren arbeitet die 72-Jährige ehrenamtlich für das dortige Stadtteilarchiv und betreibt Biografieforschung für das Stolpersteinprojekt. Seit 2002 erinnern auch in der Hansestadt vor deren einstigen Wohnorten kleine Gedenksteine an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. „Allein die Möglichkeit, dass für einen verschwundenen Nachbarn, einen verleugneten Bruder, eine verschwiegene Großmutter, eine aus der Erinnerung verdrängte Cousine ein Stolperstein gesetzt werden könnte, bringt Ruhe in das Leben vieler Menschen“, weiß Hildegard Thevs.

Seit 2005 hat sie ihre Biografieforschung auf die am ­meisten tabuisierte Gruppe ausgedehnt, nämlich auf Kinder mit geistiger und körperlicher Behinderung, die der Euthanasie der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Ein besonders trauriges Kapitel, das Hildegard Thevs differenziert behandelt wissen möchte. Ab 1933 nahm der „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ seine Arbeit auf. Es begannen die Erfassung, Beobachtung und auch das Töten von Kindern in sogenannten „Kinderfachabteilungen“, zum Beispiel im ehemaligen Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. „Die Forschung ist hier sehr kompliziert. Aus Datenschutzgründen war es sehr schwierig, an Namen zu kommen“, sagt Hildegard Thevs.

Mit Hartnäckigkeit ist der bescheidenen Dame mit dem kleidsamen Hut und den wachen Augen gelungen, die Namen vieler Opfer herauszufinden. 35 Stolpersteine sind schon vor der damaligen Klinik verlegt. „Ich bin froh, dass wir uns dieser Kinder, die verraten und verleugnet wurden, nun wieder erinnern können“, sagt Hildegard Thevs. „Das entspricht meinem Sinn für Gerechtigkeit.“

Mit der Vergangenheit beschäftigt sich auch der letzte Retter, den wir heute treffen. Ronald Rossig ist selbstständiger Fernmeldetechniker und ehrenamtlicher Bunkerretter. Der 46-Jährige hat mit seinem Verein „unter hamburg“ den Kaufmann-Bunker vor dem Abriss gerettet: „Ein so wichtiges Stück Geschichte zu beseitigen – das geht doch nicht.“ Der Luftschutzbunker in Harvestehude ist eines von 650 Bauwerken dieser Art in Hamburg. Dank Rossig und seinen Mitstreitern steht er nun seit 2010 unter Denkmalschutz und wird ab 2013 der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

Schon als kleiner Junge interessierte sich Ronald Rossig für Bunker. „Ich habe früher mit meinem Vater gern im Urlaub die Bunker auf Sylt erkundet.“ Die Vorliebe für Geschichte weckte bei ihm nicht etwa die Schule, sondern seine Großmutter. Sie erzählte von früher: von den goldenen Zeiten in Barmbek, vom Kino um die Ecke. „Ich konnte das gar nicht glauben und ging deshalb 1989 zur Geschichtswerkstatt Barmbek.“ Dort fand er Berge von Fotos, aufgenommen von einem Zeppelin aus, gestochen scharf. „Man sah sogar die Wäsche auf dem Balkon meiner Oma.“ Ronald Rossig stürzt sich erst in die Regionalgeschichte, dann in die Bunkergeschichte. Da gibt es noch einige Bauwerke zu retten: Nach dem Kaufmann-Bunker ist jetzt der Berliner-Tor-Bunker an der Reihe, der erste unterirdische Atombunker Deutschlands.

Ein aufregendes Thema hat Katrin Stender sich da ausgesucht für ihre Porträtserie. Zufrieden räumt die Malerin das Atelier auf, in dem sie so viele Stunden mit ihren Modellen verbracht hat. Ronald Rossig fachsimpelt mit Hildegard Thevs noch über dunkle Zeiten, lange nachdem die Fotosession zu Ende ist. Retter unter sich.

Text: Sybille Arendt
Foto: Dmitrij Leltschuk

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