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Abgerutscht

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2004: Hinz&Kunzt-Ausgaben 131 – 142, Archiv, Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

Unvorsichtigerweise hatte Uta sich im Bus auf einen Fensterplatz gesetzt. Sie achtete sonst sehr darauf, diesmal war’s ihr egal gewesen, Hauptsache ein Sitzplatz, sie war hundemüde und ihre Füße taten weh.

Natürlich passierte genau, was sie immer befürchtet hatte – Jörg Harms fuhr plötzlich neben dem Bus, bei der Ampel schaute er zufällig nach oben und sah sie. Sie blickte stur nach vorn. Morgen konnte er im Büro erzählen: Uta fuhr Bus, sicher hätte sie ihren Wagen verkaufen müssen, und ihre Frisur hätte ausgesehen! Sie blickte, nachdem er weitergefahren war, in die spiegelnde Fensterscheibe. Allerdings, ihr Haar war verklebt und platt nach diesem erschöpfenden Tag.

Ausgerechnet Jörg Klatschmaul. Flirtete mit ihr, als sie noch Kollegen waren. Später wurde sie seine Vorgesetzte, da zeigte er sich respektvoll. Dann verlangte Uta mehr Gehalt, sie konnte sich das leisten, ohne sie war die Firma praktisch aufgeschmissen. Ihr Chef meinte, er wolle ja gern, er könne nur nicht. Sie warf den Kopf zurück, kramte den Schreibtisch leer und ging. Sie hatte ein Wahnsinnsangebot von der Konkurrenzfirma.

Und dann ging die Pleite, noch bevor Uta dort angefangen hatte. Sie wollte sich in Ruhe einen neuen Job suchen. Sie war Diplompsychologin und Werbefachfrau und sie hatte Beziehungen.

Als sie endlich um Arbeitslosengeld nachfragte, war es zu spät. Das hätte sie sofort anmelden müssen. Die Zicke vom Arbeitsamt riet ihr, Stütze zu beantragen. Doch dann wären ihre Eltern dran gewesen, denen ging es ganz gut. Sie hätten erfahren, dass Uta gescheitert war.

Gerade in ihrer Familie galt Tüchtigkeit als das einzig Wahre: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“, pflegte ihr Vater drohend zu sagen. Uta hatte seit neun Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen. Der sollte jetzt für sie zahlen? Lieber verhungern. Bei diesem Gedanken grummelte ihr Magen. Sie hatte seit dem vergangenen Abend nichts mehr gegessen. Hinter ihr sagte jemand: „Und was willst du nun machen?“ Eine zweite Stimme antwortete: „Keine Ahnung. Ich hab kaum noch Hoffnung.“

„Du musst an ein Wunder glauben. Gott lässt keinen Spatzen verhungern oder wie das heißt.“ Uta lächelte vor sich hin. Gott! Den stellte sie sich als Typen mit gestutztem Silberbart und Managergehalt vor. Nach der Theorie ihres Vaters würde der ihr nur helfen, wenn sie sich selber half. Und sie hatte es ja wohl irgendwie verpatzt.

„Vor allem“, kam die Stimme von hinten wieder, „musst du lächeln. Lächeln hat was mit Liebe zu tun. Wenn du ein Gesicht voller Liebe hast, dann helfen dir deine Freunde.“ Na, dann grinse mal schön, dachte Uta. Freunde! Zu Kollegen und Bekannten von früher hatte sie keine Beziehung mehr.

Sie stieg aus dem Bus und humpelte auf schmerzenden Füßen nach Hause. Vor dem Supermarkt saß ein Bettler. Früher hatte Uta nichts gegeben, weil sie dachte: Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige. Du musst was falsch gemacht haben, mein Lieber. Jetzt gab sie nichts, weil sie nichts mehr hatte. Keinen einzigen Cent. Im Übrigen war sie selbst nicht tüchtig, sonst hätte sie ja nicht so viel Unglück gehabt.

Nächste Woche fing sie in einer Praxis als Putzfrau an. Sie würde um Vorschuss bitten. Konnte man in vier Tagen verhungern?

Als sie ihre Tür aufschloss, ging eine Frau an ihr vorbei nach oben. Uta fiel ein, was sie im Bus gehört hatte, und sie schenkte der Frau ein unnatürliches, breites Strahlen. Die Frau lächelte sogar zurück.

Uta stieß die Schuhe von sich, sobald sie in ihrer Wohnung war. Es dämmerte schon, sie zündete die dicke Kerze an, die auf der Kommode im Flur stand, seit man ihr den Strom gesperrt hatte. Natürlich, man musste auf ein Wunder hoffen.

Sie öffnete den warmen, leeren, lichtlosen Kühlschrank und schaute hinein. Kein Wunder hatte ihn aufgefüllt. „So, wenn du keinen Spatzen verhungern lässt, dann sei doch mal so gut…“, sagte sie Richtung Küchendecke. „Ich könnte jetzt ein Wunder brauchen, weißt du. Lass Brot regnen – am liebsten Graubrot, und vielleicht etwas Camembert. Vitamine wären auch schön, ich hatte ewig kein Obst und so was.“ Das Selbstmitleid machte ihre Stimme wackelig.

Jemand klopfte an ihre Wohnungstür. Das ist prompt, dachte sie spöttisch. Sie öffnete und stand einem Lebensmittelberg gegenüber. Stangenbrot, ein halbes Graubrot, ein Bündel Möhren, ein Korb Äpfel und Bananen, Tupperdosen mit Inhalt, ein Butterpaket, eine Tüte Milch. Zwei Hände, die alles umklammerten, zwei schlanke Beine, die alles trugen.

„Entschuldigen Sie, Kröger aus dem dritten Stock, Sie haben eben so nett gelächelt, ich muss heute Abend noch beruflich verreisen, die ganzen Lebensmittel werden mir doch schlecht, ich komm erst in zwei Wochen wieder, darf ich Ihnen das geben?“, fragte die Nachbarin. „Sie sind doch nicht beleidigt?“

Wenige Minuten später lag alles auf Utas Küchentisch und wurde vom Kerzenlicht sanft angestrahlt. Übrigens war Camembert dabei. Die Butter und den Aufschnitt werde ich auf dem Balkon aufbewahren, dachte sie. Da ist es kühl genug. Und sagte halblaut zur Küchendecke hinauf: „Danke!“

Dagmar Seifert

Dagmar Seiferts Roman „Der Winter der Libelle“, ist erschienen im Langen Müller Verlag und kostet 19,90 Euro.

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