Aber bitte mit Blaulicht!

Lisa Haarmeyer kennt Polizeiautos jetzt in- und auswendig

(aus Hinz&Kunzt 180/Februar 2008)

Parkplatz der Landesbereitschaftspolizei. Auto reiht sich an Auto, blau-grau sind viele, einige sind schwarz und nicht als Polizeiauto zu erkennen. Unter ihnen ist ein besonderes. Die Sonnenstrahlen funkeln in seinem Blaulicht, das Silbergrau leuchtet metallisch – wie frisch aus der Waschanlage. Es ist ein Mercedes der E-Klasse. 15 Kilometer hat er auf dem Tacho und noch keinen einzigen Polizeieinsatz auf dem Buckel.

Aber er hat einiges vor sich. In ein paar Tagen mischt sich der Streifenwagen unter ca. 250 weitere. Um die 1300 Einsätze pro Tag müssen Hamburger Polizeibeamte und ihre fahrenden „Arbeitsplätze“ bewältigen, erklärt uns Thorsten Krumm, (41) Fuhrparkleiter der Polizei Hamburg. Rund um die Uhr wird die E-Klasse unterwegs sein. Ihre Türen werden auf- und zugeschlagen, Beamte, Straftäter oder Zeugen im Akkord über die Sitze rutschen.

Michael Goltz wartet neben dem Auto auf uns. Der 40-Jährige war von 1993 bis 2005 in Polizeiautos im Einsatz. Als Bereitschaftspolizist ist er Drogendealern auf der Spur gewesen, im „Einsatzzug“ hat er Demonstrationen begleitet und ist als Geleitschutz auf einem Motorrad neben Staatspräsidenten gefahren. Er erklärt uns zusammen mit Thorsten Krumm die Funktionen des Wagens.

Um gleich das Typischste eines Streifenwagens vorwegzunehmen, sagt Krumm: „Hier ist der Knopf für das Blaulicht.“ Wir schalten es ein – und alles verläuft ruhig, denn Blaulicht und Sirene können getrennt benutzt werden. Nur Sirene ohne Blaulicht, das geht nicht. Krumm macht keine halben Sachen: Die Sirene wird auch angeschmissen – aber im Wagen kann man sich normal weiter unterhalten. „Das muss sein, damit auf der Fahrt zum Einsatzort noch Sachen besprochen werden können“, so Krumm. Außerhalb des Autos allerdings erreicht die Lautstärke um die 115 Dezibel. Ungefähr so laut wie ein startendes Flugzeug.

Die „Rundumtonkombination“, so nennt sich der große Balken auf dem Autodach, hat fast ebenso viele Funktionen wie Silben. Ansagen, die Polizisten in ihre Funkhörer eingeben, tönen aus diesem Gerät. Hier erscheinen die „Stopp-“ und „Bitte-folgen-Signale“. Damit werden normale Privatautos darauf hingewiesen, dem Polizeiauto zu folgen. Zum Beispiel bei Verkehrskontrollen. Wenn die Knöpfe eingeschaltet sind, deutet ein leises Piepen im Autoinneren darauf hin. „Das ist sehr praktisch“, sagt Goltz lachend. „Bei den alten Streifenwagen gab es das gar nicht. Manchmal haben wir dann vergessen, das Signal auszuschalten und Fahrzeuge kilometerlang hinter uns her geschleift.“

Wenn es zu einem Anhaltevorgang kommt und das Stopp-Signal eingeschaltet ist, wird gleichzeitig noch eine andere, besondere Funktion in Gang gesetzt: die sogenannte „Videoeigensicherung“. Dabei kommt eine Videokamera, im Handschuhfach angebracht, zum Einsatz. Sie nimmt die Geschehnisse vor dem Wagen auf. Auf einem kleinen Display in der Beifahrersonnenschutzblende kann man sich alles ansehen.

Und im Kofferraum? Liegt ’ne Leiche?

Nein, sondern unspektakulärer Krimskrams wie Hütchen, Absperrband, Decken, Kreide und Taschenlampen.

Michael Goltz wirkt auch nach jahrelanger Polizeiarbeit nicht gelangweilt oder zermürbt. Kein Wunder: Seine Anekdoten erinnern an Räuber-und-Gendarm-Spiele aus der Kindergartenzeit.

„Einmal“, berichtet Goltz, „habe ich mit einer Kollegin einen Räuber gejagt. Wir saßen im Auto, er ist hinter uns davongerannt. Ich hab den Rückwärtsgang eingelegt und bin über nasses Kopfsteinpflaster geschlittert. Und was passiert? Ich fahre direkt in einen neuen Audi rein. Aber den Räuber haben wir gefasst!“ Goltz’ Augen leuchten. „Im Nachhinein“, sagt er, „können wir über solche Situationen lachen, aber im Moment selber ist die Aufregung zu groß.“

Goltz‘ Lieblingswagen ist übrigens ein Mercedes Sprinter. Ob der seinem Namen gerecht wird, fragt man sich, denn vergleichen würde man ihn eher mit einem VW-Bus statt einem Porsche Carrera. Goltz argumentiert: „Man sitzt in dem Sprinter sehr hoch und hat einen guten Überblick. Das war unser Mannschaftswagen. Echt, ein toller Wagen. Mit dem haben wir schöne Festnahmen gemacht.“

Bleibt die Frage, ob ein Polizeiauto auch schon mal geklaut wurde. „Ja“, sagt Goltz. „Kollegen ist das mal passiert. Die hatten ein Einbrecher-Duo geschnappt. Einer von denen saß auf der Rückbank während der andere draußen vernommen wurde. Der im Auto konnte sich von seinen Fesseln lösen, ist auf den Fahrersitz geklettert und abgehauen.“ Das Auto sei dann später wiedergefunden worden. „Eigentlich ist es ein ungeschriebenes Gesetz, den Schlüssel nicht stecken zu lassen. Das ist wirklich das Peinlichste, was einem passieren kann: wenn das Auto geklaut wird“, sagt Goltz kopfschüttelnd und muss gleichzeitig ein bisschen grinsen.

Lisa Haarmeyer

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