Caritas Hamburg

4000 Mal den Strom gecheckt

Besuche, die Bares bringen: Die Hamburger Caritas macht ehemals Langzeitarbeitslose zu Stromsparhelfern. Sie unterstützen Menschen mit wenig Geld, ihre Energiekosten zu senken, beraten, ob sich neue Haushaltsgeräte lohnen und bringen Energiesparlampen mit. 

Ein Besuch mit Folgen: Wenn Stromberater Rolf Krautter wieder geht, muss Ronny van Rossem demnächst weniger Geld bezahlen.
Ein Besuch mit Folgen: Wenn Stromberater Rolf Krautter wieder geht, muss Ronny van Rossem demnächst weniger Geld bezahlen.

Der Stromfresser steht in der Küche und brummt. Zielsicher steuert Rolf Krautter auf den Kühlschrank zu und fragt: „Darf ich da mal reinschauen?“ Ronny van Rossem nickt. Der 33-jährige Ein-Euro-Jobber hat bei der Caritas um einen Stromspar-Check gebeten. Nun prüft Energieberater Krautter Geräte und Lampen der kleinen Zweizimmerwohnung auf Herz und Nieren. Er stellt Milch und Butter auf den Küchentisch und steckt seinen Kopf ins Innere des Kühlschranks. Volltreffer. „Baujahr 1993. Da würde sich ein Tausch lohnen. Sie können zwischen 30 und 50 Euro im Jahr sparen!“

Krautter zieht einen Flyer aus der Tasche und erklärt das passende Angebot der Stromsparhelfer: Wer sich einen neuen Kühlschrank kauft, erhält 100 Euro Zuschuss plus 40 Euro für die Entsorgung des alten Geräts. „Ein A++-Gerät bekommen Sie schon ab 150 Euro“, weiß der Berater. „Da hat sich die Anschaffung schon in ein bis zwei Jahren amortisiert.“

Der 54-jährige gelernte Bankkaufmann ist seit Start des Projekts im Dezember 2009 dabei. 4000 Mal haben er und die anderen Stromsparhelfer in Hamburg seitdem schon den Energieverbrauch von Menschen, die staatliche Hilfe beziehen, unter die Lupe genommen Früher hat Rolf Krautter Versicherungen verkauft, heute bringt er Menschen mit geringem Einkommen Energiesparlampen und gute Tipps – eigens dafür wurde er geschult. Wie seine zehn Kollegen war Krautter längere Zeit arbeitslos und über 50 Jahre alt, als seine Beraterin beim Jobcenter ihm vom „Stromspar-Check“ erzählte. Für den groß gewachsenen Mann mit dem Dreitagebart ist das Projekt so etwas wie ein Sechser im Lotto. „Wenn man die ganze Zeit zu Hause rumsitzt, verblödet man ja“, sagt er rückblickend. Und: Anders als in vielen Städten werden die Stromsparhelfer in Hamburg sozialversicherungspflichtig und dauerhaft beschäftigt. „Ein Ein-Euro-Job wäre für mich ohne Perspektive“, sagt Krautter. „Der läuft zehn Monate und dann bin ich weg.“ Drei Viertel der Projektkosten – 490.000 Euro jährlich – trägt die Stadt, den Rest zahlen Caritas, Erzbistum, Umweltministerium und Arbeitsagentur.

Kostenlose Beratung, kostenlose Soforthilfen? Da muss doch irgendwo ein Haken sein!

Bevor ein Stromsparhelfer sich verabschiedet, bittet er immer auch darum, bei Freunden und Bekannten für das Projekt zu werben. „Kostenlose Beratung, kostenlose Soforthilfen: Das klingt für viele so unwahrscheinlich, dass sie es nicht glauben können“, berichtet Projektleiter Christoph Dreger. „Die denken: Da muss doch irgendwo ein Haken sein!“ Ist aber nicht. Die Stromsparhelfer kommen, wenn man sie ruft. Einzige Einschränkung: Die zu beratenden Menschen müssen in irgendeiner Form auf staatliche Hilfe angewiesen sein, sei es Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld. Damit gibt es mindestens 110.000 Haushalte in Hamburg, die vom Stromspar-Check profitieren könnten.

Stromsparhelfer Krautt spürt Energiefresser auf und hilft, sie loszuwerden. Dafür dreht er auch mal selbst eine Energiesparlampe in den Kronleuchter
Mission A++: Stromsparhelfer Krautter spürt Energiefresser auf und hilft, sie loszuwerden. Dafür dreht er auch mal selbst eine Energiesparlampe in den Kronleuchter

Dabei geht es um beachtliche Summen: Durchschnittlich 149 Euro jährlich spart ein Haushalt, der sich beraten lässt, an Energiekosten. Während von geringeren Heiz- oder Wasserkosten in der Regel das Jobcenter profitiert, bedeutet eine niedrigere Stromrechung für Hilfeempfänger bares Geld. Denn Stromkosten müssen sie aus ihrem Regelsatz bestreiten: 22 Euro monatlich sollen laut Bundesregierung für einen Hilfeempfänger reichen, für Projektleiter Dreger ein Ding der Unmöglichkeit: „Ich kenne keinen, der das schafft.“

Ein-Euro-Jobber Ronny van Rossem überweist jeden Monat 42 Euro an seinen Stromanbieter. Energieberater Krautter hat eine gute Nachricht, als er ihm neun Energiesparlampen und eine abschaltbare Steckerleiste vorbeibringt: Um fünf Euro monatlich werden die Stromkosten nun sinken. Das hat Krautter mithilfe eines Computerprogramms errechnet. Die Heizkosten sind zwar sehr hoch, „aber da werden wir nicht viel machen können“, meint der Experte. „Das liegt vermutlich am Altbau.“ – „Das Haus ist über 100 Jahre alt, aber eine Dämmung gibt es hier nicht“, bestätigt van Rossem. „Das Wichtigste wäre dann noch der Kühlschranktausch“, sagt der Stromsparhelfer zum Abschied. Ronny von Rossem nickt. Er will sich bald darum kümmern.

Text: Ulrich Jonas
Fotos: Dmitrij Leltschuk

Laut Caritas Hamburg bewirken die Energiespar-Pakete und Einspartipps eine jährliche Stromersparnis von durchschnittlich 95 Euro pro Haushalt und 60 Euro für Kalt- und Warmwasser. Langfristig führe der Stromspar-Check zu einer Reduzierung der CO2-Emissionen in Höhe von 8.500 Tonnen. 293 neue Kühlschränke hat die Caritas für Hamburger Haushalte bisher mit 100 Euro Zuschuss unterstützt. Das Projekt Stromspar-Check ist ein bundesweites Projekt des Deutschen Caritasverbandes in rund 130 Städten.

Wer sich beraten lassen möchte, wendet sich an das Infotelefon der Hamburger Caritas unter 18 04 64 22 oder per Email an: stromspar-check@caritas-hamburg.de

 

 

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