Im Bezirk Wandsbek sollten auf der grünen Wiese Wohnungen entstehen. Doch die Politiker hatten die Rechnung ohne die protestierenden Bürger gemacht. Nach Jahren wurde nun eine Einigung erzielt – die den Wohnungsbau mit den Interessen der Menschen versöhnt.

(aus Hinz&Kunzt 229/März 2012)

Erst ein erfolgreiches Bürgerbegehren führte dazu, dass Politiker sie ernst nahmen: Caroline Kreusler auf dem Hinsenfeld.

Caroline Kreusler ist stolz. „Die Idee, dass nun auch preiswerter Wohnraum entsteht, kam von uns!“, sagt die Sprecherin der Bürgerinitiative in Lemsahl-Mellingstedt. Viele Jahre lang haben Politik und Anwohner im Nordosten der Stadt über Wohnungsbau gestritten – ohne Ergebnis. Im Dezember vergangenen Jahres die überraschende Wendung: 165 Wohnungen werden gebaut – allerdings anders und an anderer Stelle als lange geplant. „Letztlich haben nun alle gewonnen“, sagt Caroline Kreusler.

Aus Sicht der 48-jährigen Texterin und PR-Beraterin „wollte sich hier einer bereichern auf Kosten der Menschen und der Natur“, und „irgendwelche Architekten aus München entwarfen 165 Häuser im Bauhaus-Stil für die Kuhwiese“. Die Fakten: In den 1970er-Jahren erwirbt der FDP-Politiker Robert Vogel das Hinsenfeld, ein Landschaftsschutzgebiet am nördlichen Rand Lemsahl-Mellingstedts. Die Stadt wächst, bald ist die Fläche als Bauland im Gespräch. Im Rahmen der Architektur-Olympiade 2006 entsteht ein Entwurf, der Bezirkspolitikern gefällt. Doch zwei erfolgreiche Bürgerbegehren blockieren das Vorhaben. Im Frühjahr 2011 ist der Konflikt vollkommen festgefahren: 8500 Wandsbeker haben sich mit ihrer Unterschrift gegen die Baupläne des Bezirks gestellt, mehr Menschen als in dem Stadtteil selbst wohnen.

Erst der Machtwechsel
im Bezirk eröffnet neue Perspektiven. Statt Schwarz-Grün hat Rot-Grün plötzlich in Wandsbek das Sagen und sucht sofort das Gespräch mit der Initiative. „Wir standen vor der Wahl: Riskieren wir einen Bürgerentscheid oder bekommen wir eine Lösung hin?“, sagt Hans-Joachim Klier, Bezirksversammlungs-Vorsitzender und SPD-Stadtplanungsexperte. Am Ende der Verhandlungen steht ein Kompromiss, der sich sehen lassen kann: Die 165 Wohnungen werden nun auf zwei Brachflächen gebaut. So bleibt nicht nur wertvolle Natur erhalten. „Der Schulweg ist auch sicherer, weil die Grundschulkinder nicht über die stark befahrene Hauptstraße müssen“, so Caroline Kreusler, selbst Mutter von zwei Kindern. Und gebaut werden nun auch 30 Prozent öffentlich geförderte Wohnungen – „günstiger Wohnraum, der hier fehlt, etwa für Scheidungsfamilien“.
Einziger Verlierer bei dem Kompromiss scheint der Eigentümer des Hinsenfelds, die Robert Vogel GmbH. Das Unternehmen wollte sich auf Nachfrage von Hinz&Kunzt wegen des „laufenden Verfahrens“ nicht äußern.

Und was sind die Lehren aus dem Streit?
„Wir hatten eine klare Forderung: Die Anzahl der gebauten Wohnungen muss bleiben. Offen war das Wie und Wo“, sagt Bezirkspolitiker Klier. Die Initiative selbst habe die neuen Flächen ins Gespräch gebracht und „uns den Eigentümer angeschleppt“. Für Caroline Kreusler und ihre Mitstreiter war es wichtig, „Gespräche auf Augenhöhe“ zu führen. Ihre Empfehlung an Politiker: „Die Bürger sollten früher gefragt werden: Was ist euch wichtig? Mit was seid ihr nicht einverstanden?“

Text: Ulrich Jonas
Foto: Maurice Kohl

Mehr Infos: www.hinsenfeld.de

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