„Wir sind unzertrennlich – ob tot oder lebendig“

Am liebsten schrieb er Rap-Songs, ab und zu schwänzte er die Schule: Mit großen Schritten ging Kirk durchs Leben, bis er mit 17 ermordet wurde. Hinz&Kunzt hat sich auf Spurensuche begeben

(aus Hinz&Kunzt 184/Juni 2008)

Wenn Kirk geht, dann mit großen Schritten.Die Jeans hängt locker auf halb acht, seine Mutter versteht gar nicht, was daran schön sein soll, aber Kirk liebt Hip-Hop und da gehört sich das so, genau wie das dunkle Käppi, das schräg auf seinem Kopf sitzt und den blauen Augen Schatten spendet, auch wenn der Himmel über Hamburg grau ist. Seine Freunde Marius und Patrick versuchen mit ihm Schritt zu halten, aber ej – das geht nicht, bei einem 17-Jährigen, der den Kopf voller Ideen hat und den Körper voller Kraft. Kirk ist 1,98 Meter groß. Ein Schlaks, der lieber stehen bleibt und auf andere wartet, als die ganze Zeit langsam zu laufen. Auf Klassenausflügen wandern die Schüler oft kilometerlang. Wenn eine der „Minis“, wie Kirk einige Mädchen nennt, nicht mehr kann, nimmt er sie auf seine Schultern und trägt sie.

So geht Kirk durchs Leben. „Als seine Schwester Romy geboren wurde, war er kein bisschen eifersüchtig, er kümmerte sich gleich um sie“, sagt seine Mutter. Sie sitzt auf der Terrasse des schmalen, sandfarbenen Reihenhauses in Billstedt im Osten Hamburgs in der Sonne, es ist ein warmer Tag im Mai. Eine Woche zuvor wurde ihr Sohn beerdigt. Sie schüttelt den Kopf: „Das ist bei mir noch nicht angekommen.“ Die Anklage gegen die drei festgenommenen jungen Männer lautet auf Mord. Für die Todesanzeige im „Hamburger Abendblatt“ wählte Kirks Mutter ein Zitat von Immanuel Kant: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“ Die 42-Jährige fährt durch ihr kurzes, braunes Haar und schaut durch ihre weinrote Brille. „Eigentlich habe ich ein Mädchen erwartet, aber dann kam er“, sagt sie und lächelt: „Da sollte es schon ein besonderer Name sein. Kirk – wie Kirk Douglas!“

Der kleine Kirk kommt in Dresden auf die Welt. Er ist ein Kind der Wende, geboren am 24. September 1990, gezeugt in den aufregenden Zeiten kurz nach dem Fall der Mauer. „Da war ich glücklich“, sagt seine Mutter.

Die Familie lebt in einer Vier-Raum-Wohnung in einem kleinen Mehrfamilienhaus ganz in der Nähe des Schlossparks. Es ist ein Paradies, auch wenn immer mehr Dresdner arbeitslos werden. Manchmal tollt Kirk stundenlang durch die Wiesen und Felder an der Elbe. Abends kommt er alleine wieder nach Hause, verschwitzt und glücklich.

Bevor er eingeschult wird, fragt er seine Mutter, warum er eigentlich nicht den gleichen Familiennamen trägt wie seine kleinen Schwestern Romy und Luise. Weil er einen anderen Vater hat. Seine Mutter hat zum zweiten Mal geheiratet. Kirk will aber genauso zu Papchen gehören, wie er ihn später nennt, wie alle anderen auch, und genauso heißen wie seine Schwestern. Die Behörden schaffen es, seinen Familiennamen offiziell zu ändern, noch bevor er in die 1. Klasse kommt. Kirk ist glücklich und lernt in der Schule begeistert Schreibschrift.

Sein Papa bekommt einen Job in Hamburg bei einem Sicherheitsdienst, der für Blohm + Voss tätig ist. Plötzlich muss alles ganz schnell gehen. Innerhalb von zwei Wochen zieht die Familie in den Westen.

Dort wartet ein Plattenbau auf sie. „Die Lenzsiedlung war die einzige, in der es so schnell eine Wohnung mit Paragraf-5-Schein gab“, erzählt seine Mutter. Das Formular für sozial Bedürftige führt sie vor zehn Jahren in die Hochhäuser in Stellingen ganz in der Nähe von Hagenbecks Tierpark. 1998: Da ist Kirk acht Jahre alt. In den Kellern der Siedlung wird immer wieder Feuer gelegt. In der fremden Umgebung kann er nicht mehr durch die Natur tollen. Kirk kommt in die 2. Klasse und soll mit einem Mal nicht mehr in Schreibschrift, sondern in Druckbuchstaben schreiben. Da geht bei ihm nichts mehr. Bis hierhin und nicht weiter.

„Mir wurde er angekündigt als Schulschwänzer und Verweigerer“, sagt Cläre Bordes. Die Lehrerin sitzt in der Gesamtschule Stellingen im Zimmer der Klasse, in die Kirk gegangen ist. An der Wand hängt ein Foto von ihm, aus der Zeit, als der damals 12-Jährige zu ihr kam. Zuvor war er bei Rebus gewesen, der Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstelle, die Kindern hilft, die mit der Schule nicht klarkommen. Kirk verweigerte immer wieder die Aufgaben, kam zu spät. In der 5. Klasse besuchte er zum ersten Mal wieder regulären Unterricht. „Seine Schulakte interessierte mich nicht“, sagt Bordes. „Ich sah einen aufgeweckten Jungen vor mir.“

Gesamtschule Stellingen: Kirk entwickelt sich vom stillen Jungen zu einem „Motor der Klasse“, wie seine Lehrerin sagt. Für ein Hilfsprojekt, das eine bosnische Schule unterstützt, stellt sich Kirk immer wieder hinter den Infostand an der Osterstraße und emailliert Amulette, die verkauft werden. Die ganze Klasse wird mit dem Bertini-Preis für außergewöhnliches Engagement ausgezeichnet. Beim Umzug seiner Klassenlehrerin schleppt er Kisten. In der Sprachwerkstatt der Schule darf er mit Tinte schreiben, die aus einer gedrehten Glasfeder kommt, wie sie im Venedig des 17. Jahrhunderts üblich war. Kirk ist begeistert. Seine Schrift, einst gescholten, fließt. Er kauft sich eine eigene Glasfeder für 18 Euro, dabei bekommt er nur 35 Euro Taschengeld im Monat, mehr ist nicht drin.

Für seine Hip-Hop-Mode würde er gerne mehr haben. Also wird er kreativ. Von alten Käppis schneidet er die Schriftzüge aus und näht sie sauber auf seine Jeans. Einen Pulli taucht er in Chlorreiniger, damit der Stoff verwaschen aussieht. Mit 15 hat er Lust auf einen Ohrring. Er nimmt ein Stück Apfel, hält es hinters linke Ohr, sticht mit einer heißen Nadel hinein und kühlt die Wunde mit einem Eiswürfel. Wieder was gespart.

„… und da läuft die Ameise und nutzt ihren Zahnstocher optimal, um einen wunderbaren Stabhochsprung zu machen, sie landet grazil auf der Matte – ja, ich glaube, meine Damen und Herren, das wird Gold im Stabhochsprung bei der Ameisen-Olympiade, hier in der Lenzsiedlung …“ 2005, Kirk steht auf dem Balkon der Hochhauswohnung im 6. Stock und gibt für seine Schwester Romy und seine Mutter die Live-Übertragung einer unsichtbaren Ameisen-Olympiade, die sich unten im Hof vor seinem inneren Auge abspielt. Kirk ist 15. Er liebt Tiere, besonders Pinguine. Die Siedlung ist zu einer Heimat für ihn geworden. Die Gärten zwischen den Hochhäusern sind gepflegt. Seit Jahren macht das Stadtteilzentrum nun Freizeitangebote und wird mehrfach dafür ausgezeichnet, unter anderem beim Wettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“. Doch das interessiert Kirk gar nicht so. Er hat etwas anderes gefunden – Freunde. Einer davon ist Marius. „Das wäre jetzt genau sein Wetter“, sagt Marius. Der 16-Jährige sitzt in einem Café auf dem Else-Rauch-Platz an der U-Bahn-Station Lutteroth-straße und blinzelt in die Sonne. Zu den Bänken am Rand schlenderte Kirk oft und traf sich mit der Clique aus drei Jungs und drei Mädchen, die alle in der nahe gelegenen Lenzsiedlung wohnen. Ein eingeschworenes Team. „Bei dem Sonnenschein“, sagt Marius und schaut unter seinem Käppi hervor, „würden wir längst skaten oder im Schwimmbad liegen. Oder Basketball spielen.“ Dafür ist Kirk perfekt groß gebaut. Schuhgröße 48-49. „Kirk hat mal seinen Fuß quer vor meinen Brustkorb gehalten“, sagt Marius und zeigt mit den Händen, wie groß der Fuß war – so lang wie sein Brustkorb breit ist. „Er hätte jemanden voll wegtreten können.“

Immer, wenn Musik aus seinem Kopfhörer kommt, von Eminem oder Sammy de Luxe, und Kirk wippend durch die Straßen von Hamburg geht, bewegt er seinen Kopf im Takt. Bewegt er seine Lippen dazu, kann es sein, dass es seine eigenen Texte sind. In der U-Bahn, auf der Sitzbank, in der Schule, überall schreibt er, in sich versunken, Sätze für eigene Rap-Songs auf. Dann hält er seinen Collegeblock auf den Knien und entwirft, zeichnet, streicht. Die Abschnitte, wilde Wortfragmente, kann nur er so zusammensetzen, dass sie ein Lied ergeben. Ein Puzzle, das nur seine Freunde sehen dürfen. Nicht immer verstehen sie es.

Dann zieht er vom Westen in den Osten – von Stellingen nach Billstedt. Seit März 2005 bauen seine Eltern ein Haus. Die Familie wird nach dem Plattenbau in Stellingen endlich wieder in einem kleinen Haus wohnen, fast wie in Dresden, nur schöner. Kirks Mutter arbeitet, es wird finanziell klappen. Wieder geht es schnell, schon ein halbes Jahr nach Baubeginn ziehen sie um. „Von da an besucht Kirk immer unregelmäßiger den Unterricht“, sagt Marius. Der 16-jährige Kirk freut sich über sein größeres Zimmer, aber das ist 18 Kilometer von der Lenzsiedlung entfernt, von seinen Freunden, von seiner Liebe.

Patricia sitzt mit Marius und Steffi aus der Clique auf einer Bank auf dem Else-Rauch-Platz. Die 17-Jährige greift an ihre Silberkette. Es hängt ein „K“ daran für Kirk. „Seit wir dreizehn Jahre alt waren“, sagt sie, „sind wir zusammen – vier Jahre mit Unterbrechungen“. Manchmal darf er bei ihr übernachten, die Mutter weiß Bescheid und muss sich keine Sorgen machen. „Wir sind unzertrennlich, ob tot oder lebendig“, schreibt Kirk in einem Lied an Patricia, dass er ihr zum Dreijährigen schenkt.

Die Pausen in ihrer Beziehung entstehen immer nach Streitereien, zum Beispiel, weil Kirk nicht regelmäßig zur Schule geht. In der Gesamtschule Stellingen entschuldigt er sich immer wieder per SMS bei seiner Lehrerin. Als das nicht mehr reicht und eine Ordnungskonferenz seinetwegen einberufen wird, verlässt Kirk die Schule und wechselt nach Billstedt. Dort kommt er mit der Klasse gar nicht klar. Der 16-Jährige geht wieder zu den Unterstützern von Rebus, so wie schon einmal, als er aus dem Osten der Republik kam und halb so alt war.

Manchmal kifft er, „aber nur ab und zu“, sagt Marius. Im März 2007 ist Kirk mit dabei, als ein Bekannter zwei anderen Jungs ein Handy klaut – „rippt“, wie es unter Jugendlichen heißt. Kirk sagt nicht Ja dazu, aber auch nicht Nein. Er wird mit dem Täter angezeigt und verurteilt, ab Juli 2008 an drei Wochenenden Sozialdienst zu leisten.

„Er ist an die falschen Leute geraten“, sagt Marius.

Wem kann Kirk vertrauen?

Nach ein paar Monaten im neuen Reihenhaus in Billstedt fasst Kirk wieder Selbstvertrauen. Sein großes Zimmer hat er fertig eingerichtet. Auch seine Pinguine aus Stoff haben ihren Platz gefunden. Manchmal fährt er in seine 18 Kilometer entfernte alte Heimat mit dem Skateboard – quer durch die Stadt, an der Alster vorbei, in einer Dreiviertelstunde. Er merkt, dass er trotz der großen Entfernung mit seinen Freunden Kontakt halten kann. In Billstedt lernt er neue Leute kennen, wie den 20-jährigen Albo aus einem Hochhaus um die Ecke, der nicht zur Clique gehört, über den Kirk aber sagt: „Albo ist korrekt.“

Bei Rebus wird er immer besser, so dass er auf die Gewerbeschule G15 wechseln kann. Dort will er seinen Hauptschulabschluss machen. Danach möchte er sich sechs Jahre bei der Bundeswehr verpflichten, dort den Führerschein machen und eine Ausbildung.

Kirk fasst wieder Tritt.

„Hamburg (ots) – Fundzeit: 16.04.2008, gegen 13:00 Uhr

Fundort: Hamburg-Billwerderlandweg. Ein Mitarbeiter der Stadtentwässerung hat heute Mittag eine verbrannte Leiche gefunden und die Rettungskräfte alarmiert. Es handelt sich nach ersten Erkenntnissen um einen Mann. Bislang sind keine näheren Einzelheiten bekannt. Die Beamten der Mordkommission haben am Fundort die Ermittlungen übernommen. Es wird noch längere Zeit dauern, bis die Spurensicherungsmaßnahmen abgeschlossen sind.“ (Pressemitteilung der Polizei Hamburg vom 16.04.2008)

Am Montag, 14. April 2008, hatten sich Marius und Steffi mit Kirk in der Lenzsiedlung getroffen und Navy Field gespielt, ein Computer-Ballerspiel. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag um 17 Uhr, Kirk geht mit seinem wippenden Gang zum Bus. Am Dienstag, 15. April, verlässt Kirk mit seinem Rucksack um 17.30 Uhr das Reihenhaus in Billstedt und verabschiedet sich von seiner Mutter. Danach verliert sich seine Spur.

Als er am Mittwoch noch nicht da ist, gibt sie eine Vermisstenanzeige auf. Um 23 Uhr klingelt es zu Hause. „Ich dachte, es ist Kirk“, sagt seine Mutter. Vor der Tür stehen die Beamten des Landeskriminalamts.

Eine Woche, nachdem ein Mann die Leiche von Kirk entdeckt hat, verhaftet die Polizei drei Tatverdächtige, darunter einen 20-Jährigen, Albo genannt. Alle drei kommen wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Die Tat soll in einem Hochhaus geschehen sein, das um die Ecke des Reihenhauses in Billstedt liegt, in dem Kirk mit seiner Familie lebte. Das Motiv, lässt die Polizei verlauten, seien geringe Schulden wegen Haschisch.

Der Collegeblock mit Kirks Texten ist bis heute verschwunden. Er war in seinem Rucksack, der bislang nicht gefunden wurde. Seine Familie legt Kirks Lieblings-Pinguin in den Sarg, den mit der Strickmütze. „Du lebst in unserem Herzen ewig weiter“, schreiben seine ehemaligen Klassenkameraden auf ihre Kranzschleife.

Joachim Wehnelt und Jan Köster

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