„Verrückt, oder?“

Wie Collin Benjamin HSV-Profi wurde, warum er junge Fußballer in seinem Heimatland Namibia unterstützt – und was er über Armut in Deutschland denkt

(aus Hinz&Kunzt 164/Oktober 2006)

Petra Neumann

Es ist heiß an diesem Morgen. Auf dem Trainingsplatz des HSV neben der AOL-Arena schwitzen nicht nur die Spieler. Es schwitzen auch die Fans, die seit eineinhalb Stunden in gleißender Sonne zusehen, wie sich ein Haufen junger Männer in schwarzen Trikots den Ball zukickt und Liegestütze macht. Als Trainer Thomas Doll das Training beendet, stürzen die Fans auf ihre Idole zu, um sich Autogramme geben zu lassen. Nur zwei ältere Damen, so um die 70, lässt der Pulk der HSV-Stars wie Rafael van der Vaart und Paolo Guerrero ungerührt. Zielsicher steuern die beiden Ladys auf einen dunklen jungen Mann mit kurzen Rastalocken zu: „Na, Collin, min Jung, wie geit di dat?“ Liebevoll tätscheln die Frauen die Wangen des Mittelfeldspielers Collin Benjamin. „Das mit der roten Karte gegen Hertha neulich, das war ja ganz blöd, aber du musstest den ja stoppen. Hast du richtig gemacht…“

Collin Benjamin, 28 Jahre alter Nationalspieler aus Namibia, mag in der breiten Öffentlichkeit nicht zu den bekanntesten HSV-Spielern gehören, auch weil er fast ein Jahr lang verletzt war. Aber er gehört mit Sicherheit zur Riege der Sympathieträger. Vielleicht auch deshalb, weil er nicht dem Klischee des hirnlosen Fußballspielers entspricht. Benjamin hat in seiner Heimat Namibia erst ein paar Semester BWL studiert, bevor er in Deutschland zum Profi-Kicker wurde. Und: Er engagiert sich für Nachwuchsspieler in seiner Heimat. „Ich komme aus Katutura, einem Township in Windhuk“, erzählt Collin Benjamin in fließendem, fast akzentfreiem Deutsch. „Die Menschen dort haben wenig bis gar nichts. Und Fußball können die Kinder dort nur auf der Straße spielen, barfuß.“

Der 1,86 Meter große Allrounder hat vor kurzem eine „Fußball Academy“ gegründet, wie er es nennt. Er hat einen Rasenplatz für die Straßenkids gemietet, schickt Schuhe, Bälle und Trikots in das ehemalige Deutsch-Südwestafrika. „Eigentlich ist das gar nicht so eine große Sache“, sagt Benjamin bescheiden. „Es fing damit an, dass ich meine Team-Kollegen gefragt habe, ob sie ihre abgelegten Schuhe spenden könnten.“ Mittlerweile unterstützt er 60 junge Spieler.

Benjamin hat selbst auf den Straßen Windhuks Fußballspielen gelernt. Seine Eltern gehören der Mittelschicht von Namibia an, konnten ihren vier Kindern eine Ausbildung finanzieren. In einem Verein hat er nie gespielt, denn „dort, wo ich herkomme, gibt es keine Vereine.“ Und es gibt auch keine Scouts, keine Agenten, die nach Talenten Ausschau halten, um sie an die europäischen Vereine zu vermitteln.

„Ich hab mir damals gedacht, wenn hier keiner herkommt, dann muss ich zu denen hingehen“, erklärt Benjamin. In den Semesterferien flog der damals 21-Jährige mit einem Touristen-Visum nach Hamburg. „Ein Freund eines Freundes sollte mich am Flughafen abholen.“ Dieser Unbekannte war sein heutiger Berater Heinz-Josef „Joe“ Franken. „Was er getan hat, würden, glaube ich, nicht viele machen“, erzählt Benjamin. „Er hat mich, einen wildfremden Mann aus Afrika, bei seiner Familie im Haus wohnen lassen und mich in der ersten Zeit unterstützt.“

Denn gewartet hatte auf den Studenten aus Namibia in Hamburg niemand. Franken bringt seinen Schützling zunächst bei den Amateuren unter, bei Germania Schnelsen, danach in Elmshorn – damit er überhaupt spielen kann. Dann der Durchbruch: Bei einem Spiel gegen die HSVAmateure wird Collin Benjamin „entdeckt“. Im Januar 2001 wechselt er zu den Profis in die Bundesliga. Benjamin, den sie im HSV-Team nur Collo nennen, lebt mittlerweile in zwei Welten. Als namibischer Nationalspieler fliegt er oft in seine Heimat, spürt die Bewunderung, aber auch die Erwartungen an ihn. „Dort denken viele, ich verdiene so viel wie Ronaldo“, erklärt Benjamin, der mit Frau und Tochter in einer Wohnung in Eimsbüttel lebt. „Und dann rufen mich Leute an, die ich zehn Jahre nicht gesehen habe und wollen, dass ich ihre Stromrechnung bezahle, weil sie denken, ich sei reich.“ Er unterstütze natürlich seine Familie. „Und Familie heißt nicht dasselbe wie hier in Deutschland: Wenn wir in der Familie Weihnachten feiern, dann kommen 100 Menschen.“ Er habe erst lernen müssen, auch mal Nein zu sagen. „Das fällt mir immer noch schwer.“

Armut sei für ihn auch eine Frage von Standards innerhalb einer Gesellschaft. „Natürlich gibt es auch in Deutschland Armut. Wer von Hartz IV leben muss, ist hier arm. Auf der anderen Seite gibt es in Namibia Familienväter, die von umgerechnet zehn Euro eine vielköpfige Familie ernähren müssen.“ Es gebe Gegenden, in denen für 100.000 Menschen zwei Wasseranschlüsse existierten. Was ihn erstaune, sei die Lebensfreude seiner Landsleute – trotz der Armut. „Die Leute lachen so viel in Namibia, sie freuen sich über kleine Dinge und sind einigermaßen glücklich. Und was ein ganz großer Unterschied ist: Kinder gelten in meinem Heimatland als Reichtum. Und das wiederum erstaunt mich an Deutschland am meisten: Hier gelten Kinder als Armutsrisiko. Das ist doch verrückt, oder?“

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