„Meine Tochter war nicht schlecht“

Vor neun Jahren wurde die Hinz&Kunzt-Verkäuferin Annett ermordet. Ihre Mutter spricht in Hinz&Kunzt über den Tod und die Drogensucht ihrer Tochter

(aus Hinz&Kunzt 199/September 2009)

Auf den ersten Blick traut man ihr all das gar nicht zu. Die 67 Jahre alte Ingrid Jöhrendt wirkt fast zerbrechlich, so wie sie unter dem Bild ihrer toten Tochter im Sessel sitzt. Ein bisschen müde, mitgenommen von drei Schlaganfällen. Und dem Schmerz um die ermordete Tochter. Man traut es ihr wirklich nicht zu, und doch hat diese zerbrechliche Frau mit einem Zuhälter um die Tochter verhandelt, nächtelang Drogendealer verfolgt und gegen die Sucht ihres Kindes gekämpft.

Neun Jahre ist Annett nun tot. Aber verloren hat Ingrid Jöhrendt den Kampf gegen das Heroin eigentlich nicht. Denn Annett starb nicht an einer Überdosis. Im August 2000 wurde die 37-Jährige in ihrer Wohnung am Michel erstochen, ihre Leiche in das Herrengrabenfleet geworfen. Bis heute fehlt von ihrem Mörder jede Spur. Doch Ingrid Jöhrendt kämpft weiter: Der Mord an ihrer Tochter soll nicht vergessen werden.
Dass das Leben nicht unbedingt Honigschlecken bedeutet, hat Ingrid Jöhrendt früh erfahren. Schon als Zwölfjährige musste sie in der Marktschlachterei ihrer Eltern an der Isestraße helfen, oft bis zehn Uhr abends. Mit
19 heiratet sie, steht weiter hinter der Fleischtheke. Ihr Mann arbeitet als Werkzeugmacher. 1963 wird die Tochter Annett geboren.
Eine perfekte kleine Familie: katholisch, ein gemütlicher Mann, eine fleißige, schöne Frau und eine zuckersüße Tochter, die von ihrem Vater vergöttert wird. „Sie war ein Wunschkind“, sagt Ingrid Jöhrendt. Und eine Prinzessin. Denn der süße Fratz ist vom ersten Augenblick an Papas Liebling. Sie darf alles, sie kriegt alles. Bis auf Grenzen.
Annett nimmt sich, was sie kriegen kann und noch mehr. Das Kleinkind entscheidet, dass es nicht in den Kindergarten will, schreit und tobt – und braucht dort nicht mehr hin. Als Teenager mit langen braunen Haaren entscheidet Annett, dass sie vor allem mehr Geld braucht, für Klamotten, Kino, Kneipen und bekommt wieder und wieder etwas zugesteckt.
Zunächst läuft dennoch alles reibungslos: Daddys Liebling bedankt sich mit sehr guten Schulnoten, von der katholischen Grundschule wechselt sie mühelos aufs Bismarck-Gymnasium. Ihr besonderes Talent sind Sprachen, sagt Frau Jöhrendt: „Ihr fiel alles so leicht, sie konnte von einer Sprache in die andere wechseln.“ Irgendwelchen Ehrgeiz allerdings entwickelt das Mädchen nicht: „Sie war ein Saisonarbeiter, kurz vor einer Prüfung hat sie mal schnell gebüffelt und sich dann wieder zurückgelehnt“, erinnert sich ihre Mutter.
Doch irgendwann reicht das nicht mehr, Annett verhaut Arbeiten, packt den Unterrichtsstoff nicht mehr, verliert den Anschluss und wohl auch den allerletzten Rest Ehrgeiz. Die Schule interessiert sie nicht mehr, und die Schule sich irgendwann auch nicht mehr für sie: Sie bleibt sitzen, verlässt die Schule. Sie besucht eine Sprachschule, will Stewardess werden. Sie wird sogar zum Bewerbungsgespräch nach Frankfurt eingeladen, doch Annett feiert die Nacht zuvor durch und wird abgelehnt.

Bestätigung findet das auffallend hübsche Mädchen dafür woanders: bei Männern, die sie in Kneipen und Diskotheken kennenlernt. „Mir war natürlich aufgefallen, dass sie sich gern amüsierte. Sie wollte immer in die Disco“, sagt ihre Mutter. Wann sie das erste Mal Drogen nahm, weiß Ingrid Jöhrendt nicht genau. „Angefangen hat es jedenfalls mit Hasch. Da muss sie 16 gewesen sein.“
Irgendwo auf ihren nächtlichen Streifzügen durch Hamburgs Disco-Szene lernt Annett einen stadtbekannten Zuhälter kennen. „Doch da hatte ich meine Hand drauf, sie war doch noch nicht mal volljährig!“ Es regt Ingrid Jöhrendt noch heute – nach mehr als 20 Jahren – auf, wenn sie an jene albtraumhaften Stunden denkt, als der Zuhälter in der elterlichen Wohnung auftaucht, um Annett abzuholen. „Ich hab an unserem Küchentisch mit dem Kerl gesessen und vier Stunden um meine Tochter verhandelt. Der wollte einfach nicht gehen ohne sie.“ Schließlich gelingt es ihr, ihn aus der Wohnung zu vertreiben. „Mit dem Regenschirm bewaffnet bin ich schreiend hinter ihm her gerannt und hab ihn auf die Straße gejagt.“
Doch für Annett ist der Mann aus dem Milieu „eine tolle Nummer, mit der sie auch angeben kann“. Die 17-Jährige glaubt bei ihm alles zu finden, was ihr wichtig ist: das große Geld und Party jeden Abend. Zugleich verspricht die Kiezgröße Schutz und Geborgenheit. Hilflos sieht Frau Jöhrendt ihre Tochter immer tiefer in einen Strudel der Abhängigkeit gleiten: „Ich konnte ja nur auf sie einreden, aber sie hat alles einfach abgetan.“ Sie habe es wohl auch genossen, von ihren Freundinnen beneidet zu werden, eine Rolex am Handgelenk zu tragen, schöne Kleider zu besitzen, in dicken Autos herumkutschiert zu werden.
Die Mutter beschließt, ihr Kind nicht aus den Augen zu verlieren, um jeden Preis den Kontakt zu halten. „Die beiden wollten eines Abends nach Blankenese in ein feines Restaurant und da hab ich einfach gesagt, ich komm mit. Ich saß den ganzen Abend da mit am Tisch und hab mit Annett diskutiert: ‚Was glaubst du eigentlich, woher das Geld für euer teures Essen kommt? Dafür müssen andere Mädchen auf den Strich gehen. Ich hab dich nicht als Dummerchen erzogen!‘ Aber sie wischte das einfach so weg, das sei ihr egal.“ Dann hätten die beiden angefangen, Hasch zu rauchen. Und obwohl dieser Moment für die Mutter eigentlich schon unerträglich genug ist, geht Ingrid Jöhrendt noch einen Schritt auf ihre Tochter zu: „Gib mir auch was, ich will wissen, was du daran so toll findest. Ich will wissen, was du fühlst.“ In diesem Moment bricht die coole Fassade Annetts weg: „Sie hat geschrien und geweint: ‚Du darfst das Zeug nicht nehmen, lass das sein, Mama!‘“ Traurig fügt die Mutter hinzu: „Da hatte sie einmal Angst um mich …“ Ingrid Jöhrendt fühlt sich beim Kampf um ihre Tochter alleingelassen. „Mein Mann hatte Arbeit an der Uni bekommen und war ständig auf Forschungsreisen unterwegs. Aber er hatte Annett sowieso schon abgeschrieben. Als seine Prinzessin Schwierigkeiten machte, hat
er sie fallen gelassen.“ Häufig stritt sich das Ehepaar
darum, wie man auf die Drogensucht reagieren sollte.
„Er wollte sie einfach rausschmeißen, ich wollte ihr so nah wie möglich bleiben.“
Und damals – für einen kurzen Moment – scheint es tatsächlich, als ob die Strategie der Mutter aufgeht: Annett trennt sich von dem Zuhälter, will ihr Leben ändern, weg aus Hamburg. Ein Bekannter vermittelt der mittlerweile 19-Jährigen einen Job als Übersetzerin bei einem Schriftsteller in Frankreich. Was die Mutter nicht wusste: Der Künstler war selbst hasch- und kokainabhängig, und Annett mischte fleißig mit.
Als Annett zurück nach Hamburg kommt, rutscht sie erst recht in einen Sumpf aus Drogen. Immer wieder überredet ihre Mutter sie zu Therapien, erfolglos. „Einmal hab ich sie vier Wochen lang in ihrem Zimmer eingesperrt. Sie hat geschrien und getobt.“
Ingrid Jöhrendt erlebt in den kommenden Jahren den Albtraum, den alle Eltern drogenabhängiger Kinder durchmachen: Ihr Kind belügt und beklaut sie, Freunde und Verwandte, haut wütend ab und kehrt im nächsten Moment heulend, reumütig und körperlich am Ende zurück.

Therapeuten raten den betroffenen Eltern häufig, den Kontakt zu den Kindern komplett abzubrechen, sie erst mal ganz auf den Boden sinken zu lassen, bevor sie aus eigener Kraft aus dem Drogensumpf auftauchen können. Ingrid Jöhrendt ging einen anderen Weg, hielt immer zu ihrer Tochter, bis zum Schluss: „Ich konnte sie nicht aufgeben. Das ganze Schlechte, das war doch gar nicht sie, das waren ihre Drogen …“
Und ihre Männer. Annett benutzt ihre Schönheit, um an Drogen zu kommen, und wird wegen ihrer Schönheit benutzt. Sie hat viele Freunde, viele Lieben. Und sieht in jedem die Rettung. „Sie hat sich immer gleich verlobt“, erklärt Ingrid Jöhrendt. „So ganz offiziell mit großem Abendessen und mit Muttern dabei.“
Doch nur eine Beziehung hielt länger. „Das war dann wirklich die große Liebe. Er war Expolizist“, erinnert sich die Mutter, und es schwingt Bewunderung in ihrer Stimme. „Die beiden haben Reisen unternommen, nach Spanien mit dem Motorrad. Die sahen richtig toll aus in ihrer Lederkluft.“
Dann wird ihr Ton hart, denn in dieser Zeit hat sich Annett auch den ersten Schuss Heroin gesetzt, geriet in die harte Drogenszene. „Als Annett körperlich immer mehr verfiel, hat er sie fallen gelassen. Er hat sie einfach vor meiner Haustür abgeladen. Wie ein Häufchen Elend lag sie da.“
Die Mutter päppelt ihre Tochter wieder auf, nur um zuzusehen, wie diese wieder den Drogen verfällt. Trotzdem bricht sie den Kontakt zu Annett nie ab, sucht sogar in der Drogenszene nach der Tochter. „Wenn sie wieder mal abgetaucht war, bin ich den Dealern hinterhergeschlichen“, erzählt Frau Jöhrendt. „Ich hab mich so manche Nacht an den Landungsbrücken versteckt, weil ich wusste, dass Annett irgendwann kommt, um sich Stoff zu holen.“
Von ihrem Mann trennt sich Ingrid Jöhrendt 1988. Sie zieht aus der 130-Quadratmeter-Altbauwohnung in Rotherbaum in eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung. „Mit zwei Koffern stand ich vor der Tür, mehr hatte ich nicht.“ Was blieb, war die Hoffnung, ihre Tochter doch noch zu retten.
1993 dann heiratet Annett. Allerdings nicht aus Liebe, weiß ihre Mutter. „Ein Afrikaner hatte ihr 4000 Mark bezahlt, damit sie ihn heiratet und er so eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt.“ Ende desselben Jahres wird sie Hinz&Kunzt-Verkäuferin, steht fast täglich an der Osterstraße vor Karstadt. Sie bekommt unter ärztlicher Aufsicht die
Ersatzdroge Methadon, besorgt sich aber zusätzlich einen eigenen Drogencocktail.
Der Tag ihres Todes ist der 19. August 2000. Minutiös hat die Kripo jenen Sonnabend rekonstruiert. Um 21.30 Uhr macht Annett noch eine Runde durch die portugiesischen Restaurants am Hafen, verkauft dort Hinz&Kunzt-Zeitungen. Passanten und Kunden können sich später noch gut an die freundliche Frau erinnern. Was danach passiert, weiß bis heute nur der Mörder.
Ingrid Jöhrendt ist auch noch neun Jahre später der Tag ganz präsent. „Ich hatte Annett einen Beutel frischer Wäsche in ihre Wohnung am Michel gebracht. Ich hab immer ihre Wäsche gewaschen und ein bisschen aufgeräumt.“ Aber Annett war nicht in der Wohnung. Als am Sonntag immer noch jede Spur ihrer Tochter fehlt, geht Ingrid Jöhrendt zur Polizei. „Ach, Sie kennen sie doch …“, habe der Beamte gesagt. „Die taucht schon wieder auf.“ Ein Irrtum.
Hat Annett eine Zufallsbekanntschaft mit in ihre Wohnung genommen? Kannte sie den Mörder, oder kam er über ein Baugerüst, das am Haus stand? Gesichert ist nur, dass der oder die Täter den Leichnam der etwa 50 Kilo schweren Frau in ein Bettlacken steckten und in das 300 Meter entfernte Herrengrabenfleet warfen, wo er zwei Tage später entdeckt wurde.

„Die ersten Wochen nach ihrem Tod fühlte ich mich wie eingesperrt“, sagt Ingrid Jöhrendt. Verzweifelt läuft sie auf die Straße, sucht selbst nach dem Mörder und nach Zeugen. Sie befragt Annetts Dealer, Hinz&Kunzt-Verkäufer, Süchtige, Freunde. Ihr Verdacht fällt mal auf diesen, mal auf jenen. Aber in Annetts Umfeld, im Drogenmilieu, erscheint plötzlich fast jeder irgendwie verdächtig und auch wieder nicht. Auch die Polizei hat bis heute keine konkrete Spur, weder von der Tatwaffe noch vom Mörder, obwohl eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt ist.
Neun Jahre liegt Annett nun schon auf dem Friedhof Diebsteich, in der Nähe der Großeltern. „Sie wird immer ein Teil von mir bleiben“, sagt Ingrid Jöhrendt. Drei Schlaganfälle haben seit dem Tod der Tochter ihre Gesundheit geschwächt. Sie muss Medikamente nehmen, ständig zum Arzt. Aber sie hat auch Abstand gewonnen. So ist sie für etliche Kinder im Viertel die „Ersatzoma“ geworden. „Die Kinder lieben es, wenn wir zu Hagenbeck fahren. Dann schmier ich Butterbrote und los geht’s!“
Sie habe fünf Jahre gebraucht, um auch nur einigermaßen mit dem Tod von Annett klarzukommen. „Das Leben geht weiter, man kann nicht ewig trauern“, sagt sie tapfer und dann überschlägt sich doch ihre Stimme. Aber sie beißt die Zähne zusammen, atmet tief durch und sagt mit der Kraft, die nur eine Löwenmutter aufbringt: „Sie ist jetzt wieder bei mir … hier drin …“ Und dabei presst sie ihre Hand fest auf ihren Unterleib, dorthin, wo Annetts Leben vor ganz langer Zeit angefangen hat.

Petra Neumann

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