„Jeder muss darüber nachdenken, was mit seinem Geld passiert“

Dirk Grah von der GLS Bank über gute Menschen, fatale Versprechen und sinnvolle Geldanlagen

(aus Hinz&Kunzt 198/August 2009)

Seit zehn Jahren arbeiten Hinz&Kunzt und die alternative GLS Bank zusammen. Der geht es nicht nur um die Vermehrung von Geld, sondern auch um die Förderung von Projekten und Unternehmen, die den Menschen dienen – der einzig richtige Ansatz, wie die Bankenkrise zeigt. Warum jeder Einzelne von uns lernen muss, dass die Rendite nicht alles ist, erklärt Dirk Grah, Leiter der Hamburger GLS-Filiale, im Gespräch mit Hinz&Kunzt.

Hinz&Kunzt: Herr Grah, die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) wird auch mal als „Sandalenbank“ bezeichnet. Ärgert Sie das?
Dirk Grah: Nein. Aber der Begriff passt nicht. Wir haben keine einheitliche Kleiderordnung bei uns in der Bank. Es gibt bei uns sogar Auszubildende, die ziehen schon Schlips und Anzug an.

H&K: Was halten Sie von „Gutmenschen-Bank“?
Grah: Wenn man damit nicht ein Vorurteil verbinden würde, ist das schon die Zielgruppe, mit der wir zu tun haben wollen. Ich sage immer: Wir sind die Bank der Nachhaltigkeit.

H&K: Ihre Bank meldet – anders als große Banken und Sparkassen – Rekordwachstum. Ist die GLS Bank ein Krisengewinner?
Grah: Eindeutig ja. Wir profitieren von einem Prozess des Umdenkens bei vielen Menschen, die aufgrund der Finanzmarktkrise aufgewacht sind und sagen: Wir müssen jetzt über die Verwendung unserer Gelder nachdenken. Wenn wir so weitermachen wie bisher, brauchen wir uns nicht wundern, wenn bald die nächste Krise kommt.

H&K: Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, hat eine „systematisch organisierte Verantwortungslosigkeit“ für die Krise verantwortlich gemacht. Wer müsste nun was tun?
Grah: Wir brauchen weltweit einheitliche Regelungen für die Finanzmärkte. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist mindestens genauso wichtig: Jeder einzelne Anleger muss anfangen, darüber nachzudenken, was die Menschen, denen er sein Geld anvertraut, damit machen. Wenn mir egal ist, wie mein Lebensversicherer sein Renditeversprechen von sechs oder sieben Prozent erwirtschaftet, muss ich mich nicht wundern, dass der die Gelder so investiert, dass das auf jeden Fall reinkommt, auf Teufel komm raus.

H&K: Als Verbraucher bekommen wir ja von morgens bis abends eingebläut, dass billig gut ist. Von wem sollen wir das Umdenken lernen?
Grah:Von den Verbraucherschützern. Von der GLS Bank. Oder von anderen, die sich um alternative Geldanlagen kümmern. Wir müssen ja nicht von heute auf morgen alles ändern. Wenn ich zum Beispiel die Milch für 50 Cent im Supermarkt kaufe und glaube, das hätte keine Auswirkungen auf die Milchbauern, nehme ich meine Verantwortung nicht wahr. Besser ist es, ich kaufe Ökomilch, bei der ich weiß, dass die Bauern mehr verdienen. Ähnlich ist es mit den Geldanlagen: Auch da kann ich klein anfangen.

H&K: Also bringe ich mein Sparbuch zu Ihnen?
Grah:Zum Beispiel. Dann fragen Sie uns: Was macht ihr eigentlich mit meinem Geld? Und wir erzählen Ihnen, dass wir vor allem eine Bank sind, die ihr Geld zu 100 Prozent in die Realwirtschaft investiert. Dass wir keine Geschäfte machen, nur um Geld zu vermehren. Und: Wir veröffentlichen jeden Kredit, den wir vergeben, und haben uns verpflichtet, bei Fragen Auskunft zu geben: Was ist mit diesem Behindertenheim oder jener Windkraftanlage?

H&K: Mein Vater sagt immer: Kauf dir Aktien. Ist das aus ethischer Sicht empfehlenswert?
Grah:Warum nicht? Der Aktienbesitzer ist, wenn er es richtig macht, ein ganz langfristiger Investor. Aktien sind eine sehr vernünftige Form, Firmenkapital auf eine breite Basis zu stellen. Das Problem heutzutage ist, dass Aktien zu 90 Prozent aus Spekulationsgründen gekauft werden. Damit signalisieren Sie aber kein langfristiges Interesse an der Firma.

H&K: Sie legen einen Teil des Ihnen anvertrauten Geldes in Wertpapieren an. Ist das in jedem Fall moralisch korrekt?
Grah: Wir versuchen, das nach unseren Kriterien zu machen. Sie können im Internet lesen, welche Papiere wir halten: etwa vom Land Nordrhein-Westfalen oder von der KfW Bank.

H&K: Obdachlose oder verschuldete Menschen haben oft Probleme, ein Bankkonto zu eröffnen, weil sie keine lukrativen Kunden sind. Bekommt bei Ihnen jedermann ein Konto?
Grah: Ja. Zumindest ein Konto auf Guthabenbasis.

H&K: Die Krise ist in der Wirtschaft angekommen, Unternehmen fordern staatliche Hilfen, um drohende Insolvenzen zu verhindern. Müssen wir alle für die Fehler von Bankmanagern bezahlen?
Grah: Leider ist das so. Gewinne werden privatisiert, Verluste gerne sozialisiert. Es war sicher richtig, für das System wichtige Banken zu retten, etwa die Landesbanken. Im Fall Opel wird sich noch zeigen, ob die staatlichen Bürgschaften nötig waren.

H&K: Neue Spielregeln für die Finanzmärkte gibt es bislang nur in Sonntagsreden. Glauben Sie daran, dass die erforderlichen Grenzen noch gezogen werden?
Grah:Wir sehen erste Anzeichen, dass alles weiterläuft wie bisher. In den USA werden wieder die ersten Kreditpakete verbrieft. In Deutschland ist das momentan verboten. Aber der Druck wächst, solche Verbriefungen auch hierzulande wieder zuzulassen. Und es entstehen schon wieder die ersten Spekulationsblasen, etwa bei den Rohstoffpreisen. Das Problem ist, dass weltweit einfach wahnsinnig viel Geld im Umlauf ist. Dieses Geld sucht Anlagen und Kanäle.

H&K: Was ist die Lösung?
Grah: Jeder Anleger muss bei seiner Bank nachfragen: Was macht ihr mit meinem Geld? Wie sorgt ihr dafür, dass es nicht in hochspekulative Kapital-Kreisläufe fließt, die keinerlei Bezug mehr haben zur Realwirtschaft? Ein guter Indikator für Transparenz ist sicher, wenn der Bankberater die Provisionssätze nennt, die die Bank bei einer Geldanlage selber verdient. Dann wären im letzten Jahr sicher deutlich weniger Zertifikate verkauft worden.

Die Wurzeln der GLS Bank reichen zurück in die 1960er-Jahre. Der Rechtsanwalt und Anthroposoph Wilhelm Ernst Barkhoff engagierte sich damals gemeinsam mit anderen für neue Lebens- und Wirtschaftsformen. Im Mittelpunkt stand die Finanzierung von Projekten in Landwirtschaft, Bildung und Heilpädagogik. Heute unterstützt die GLS Bank zum Beispiel Schulen, Wohnprojekte und ökologisch orientierte Unternehmen mit Hilfe von Krediten, Beteiligungen und einer Stiftung. Die GLS Bank bietet alle Leistungen einer modernen Bank an: vom Girokonto über Geldanlagen bis hin zum Vermögensmanagement. Die Genossenschaftsbank hat bundesweit 15.000 Mitglieder und 63.000 Kunden. Die Bilanzsumme wuchs 2008 um 27,4 Prozent auf 1.013 Millionen Euro. Mehr Infos im Internet unter www.gls.de
Die GLS Bank bietet zwei Modelle an, das Hamburger Straßenmagazin zu unterstützen: den Hinz&Kunzt-Sparbrief und das Hinz&Kunzt-Sparkonto. Bei beiden Varianten verzichten die Anleger zugunsten des Projekts auf ihre Zinserträge. Allein 2008 kamen so 12.200 Euro zusammen. Mehr Infos unter www.gls.de/unsere-angebote/geldanlagen/projektsparen.html

Ulrich Jonas

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