„Ich würde weiter Hinz&Kunzt verkaufen“

Sieben Hinz&Künztler diskutieren übers Grundeinkommen

(aus Hinz&Kunzt 163/September 2006)

PETER: Also, ich würde die Idee auf jeden Fall begrüßen! Ich hätte dann wesentlich mehr in der Tasche. Jetzt lebe ich vom Hinz&Kunzt-Verkauf und einer Berufsunfähigkeitsrente.

ANDREAS: Ich finde die Idee – auf Deutsch gesagt – Schwachsinn. Die Motivation zu arbeiten fällt dann weg. Wir sind eine Leistungsgesellschaft, das müssen wir auch sein, wenn wir vorankommen wollen. Ich denke, Menschen sind von Natur aus faul. Und für die Vorgesetzten gäbe es auch keine Möglichkeit mehr, Dinge positiv zu verändern, also eine Entwicklung zu schaffen.

KAI: Ich fühle mich durch Hartz IV auch nicht kontrolliert oder gezwungen, einen Job anzunehmen, den ich nicht will. Im Gegenteil: Ich höre gar nichts von denen, fast ein Jahr schon nicht mehr. Keine Einladung, gar nichts!

ÖSI: Einigen würde das Grundeinkommen auch nicht gut bekommen. Ich wohne in einem Männerwohnheim und die ARGE bezahlt die Miete direkt ans Heim. Wenn das Geld ausgezahlt werden würde, und man müsste die Miete selbst zahlen, dann gäbe es einige, die das vergessen oder sagen würden: „Ist ja wurscht, ich sauf mich von dem Geld lieber nieder.“ Dann würden die rausfliegen, und die Obdachlosigkeit wäre noch größer.

VERA: Ich find das schon okay, dass die Sozialleistungen Pflicht sind. Wenn ich mich selbst darum kümmern müsste, dass ich was für die Rentenversicherung zurücklege, würde ich schon überlegen: Mann, das ist noch so lange hin – und mir juckt es jetzt in den Fingern, das Geld auszugeben. So würden viele denken. Und im Alter steht man dann da und kriegt überhaupt nichts.

ANDREAS: Vor allem würden ja auch gewisse Grundbedingungen wegfallen. Dann könnte ja ein Vermieter einfach sagen: Jetzt kostet die Wohnung nicht mehr 500, sondern 1000 Euro – hast ja dein Grundeinkommen. Wir hätten noch freiere Marktwirtschaft. Das wäre hire and fire. Der Boss hat dann kein schlechtes Gewissen zu sagen: „Raus mit dir. Dann hast du ja deine 800 Euro, du kommst ja gut aus, dich brauche ich nicht mehr.“

ÖSI: Ich würde auf jeden Fall weiter Hinz&Kunzt verkaufen. Ich kann nicht herumhängen und nichts tun. Das habe ich fast drei Jahre gemacht, ich bin dabei fast verrückt geworden. Wenn ich mal – mit Phantasie betrachtet – eine Million im Jahr einfach so kriegen würde, dann müsste ich trotzdem arbeiten. Weil der Mensch wie gesagt irgendwas zu tun braucht.

VERA: Da stehst du nicht alleine da. Viele von uns haben ja diese typischen Sozialkarrieren, arbeitslos, dann zwischendurch mal wieder einen Job, dann wieder arbeitslos. Das ist mal ganz schön, nix zu tun, aber nicht auf Dauer.

PETER: Aber hundert Pro gäbe es welche, die nichts mehr machen würden. Genug sogar.

ANDREAS: Ich würde auch nicht mehr arbeiten. Ich würde andere Sachen machen, die mich interessieren.

VERA: Meine einzig positiven Erfahrungen mit dem Arbeitsamt habe ich mit ABM-Stellen gemacht. Da gab es Geld, und man hatte was zu tun. Die sollte es wieder geben, das fände ich besser als ein Grundeinkommen.

MARTIN: Wobei es ja viele Leute gibt, die unglaublich viel Geld kriegen, ohne was Richtiges zu machen. Wie manche Soap-Darsteller, Möchtegern-Schauspieler…

ÖSI: Moment, da muss ich Kontra geben. Ich glaube, auch viele Schauspieler, die gar nicht schlecht sind, müssen bei so was mitmachen, weil du als Theaterschauspieler nicht viel verdienst – aber Kohle für die ganze Familie brauchen die auch. Das müssten die nicht mehr, wenn sie 800 Euro kriegen – das wäre ein Grund, warum ich das gut fände.

MARTIN: Wenn ich gut bezahlt werde, liefere ich auch gute Arbeit. Wenn ich scheiße bezahlt werde, dann gibt’s bei mir auch nur ’nen faulen Furz. Ich will ja auch, dass die Qualität meiner Arbeit über Geld bewertet wird. Das sollte viel stärker so sein: Auch für die Bezahlung von Wirtschaftsleuten, von Politikern, von Kulturschaffenden müsste es einen Leistungsmaßstab geben. Was ist der Nutzen für die Allgemeinheit von dem, was der Mensch gerade tut? Wenn das so wäre, müssten solche Leute wie Merkel oder Stoiber sogar noch Geld mitbringen.

ÖSI:Mein Bruder lebt in Thailand. In Thailand hat der König früher mal den Leuten ein Grundstück gegeben, und sie konnten damit machen, was sie wollten. Das ist in den Dörfern in Thailand heute noch so üblich, dass jeder seine Hütte hat.

VERA: Das sollte auch bei uns grundsätzlich gesichert werden, dass jeder eine Wohnung hat. Der Staat schenkt jedem eine Wohnung, das ganze Mietgedöns würde wegfallen.

Protokoll: Marc-André Rüssau

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