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„Ich wollte keine Hilfe“

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2009: Hinz&Kunzt-Ausgaben 191 – 202, Archiv, Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009

Hinz&Künztler Andreas K.

(aus Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009)

Gleich nach der Wende machte Andreas rüber, um in einer Tischlerei in Horneburg bei Buxtehude Geld für seine Familie zu verdienen. Seine Frau und die beiden Söhne blieben in der mecklenburgischen Heimat, 170 Kilometer entfernt. Andreas sah sie nur an den Wochenenden. Er wollte seine Lieben nachholen. „Ich hatte schon ein Häuschen in Buxtehude für uns gefunden“, sagt der 54-Jährige. Doch die Wochenendehe hielt nicht: Andreas überraschte seine Frau mit ihrem neuen Freund. Sie wollte die Scheidung.

202_bildDass er seiner Familie verloren hatte, machte Andreas schwer zu schaffen, und in Horneburg fand er nie richtig Anschluss. „Ich hab angefangen zu trinken.“ Einen schweren Kopf konnte er leichter ertragen als ein schweres Herz. In der Tischlerei bekam er dafür nach ein paar Monaten die erste Abmahnung. Andreas schmiss den Job hin. „Mein Chef, mein Hauswirt, meine Eltern, alle wollten mir zwar helfen, aber ich war zu stolz, das anzunehmen“, sagt er. „Dumm von mir, ne?“ Man sieht ihm an, dass er sich dafür auch nach 15 Jahren noch schämt.

Er packte eine kleine Reisetasche und fuhr nach Hamburg. Die erste Nacht streunte er durch die Stadt: „Ich wusste ja nicht, wo ich hin soll. Ich war vorher nie in einer Großstadt gewesen.“ In der zweiten Nacht legte er sich in eine Barkasse am Hafen.
Vier Jahre machte Andreas Platte, dann vermittelte ihm die Heilsarmee einen Therapieplatz in Neumünster. Dort lebte er vier Jahre, blieb trocken und übernahm als Leiter der Einrichtung Verantwortung für andere Süchtige. Doch das Leben in der freikirchlichen Gemeinschaft passte auf Dauer nicht zu
ihm. „Der Druck war enorm“, sagt er. Andreas kehrte nach Hamburg zurück, auf die Platte, zum Alkohol. Das war vor sieben Jahren.

Nach wie vor schämt er sich dafür, wie er lebt, und will keinen Kontakt zu seiner Familie: „Die sollen mich so nicht sehen.“ Wenn er sich aufgerappelt hat, dann will er sich vielleicht wieder bei seinen Kindern melden. Andreas weiß: Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

HINZ&KUNZT: Was hast du diese Woche Besonderes erlebt?
ANDREAS: Eine Kundin hat mich an meinem Stammplatz am Zirkusweg gefragt, wie es mir geht, und mir Klamotten mitgebracht.

H&K: Wo wohnst du derzeit? Und wie ist es da?
ANDREAS: Seit dem 1. November bin ich im Winternotprogramm, wohne in einem Container. Gott sei Dank!

H&K: Wie hat dir die November- Ausgabe gefallen?
ANDREAS: Ich fand den Bericht über die Straßenpsychiaterin besonders interessant. Ich lese immer die ganze Ausgabe, damit ich mich mit meinen Kunden darüber unterhalten kann.

H&K: Wer oder was imponiert dir?
ANDREAS: Siegfried, mit dem ich am Hafen Platte gemacht habe. Heute hat er eine Arbeit und eine Wohnung. Das macht mir Mut, dass ich vielleicht auch mal festen Boden unter die Füße kriege.

Text: Beatrice Blank

Foto: Mauricio Bustamante

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