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Gunter Gabriel im Interview

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 203/Januar 2010

„Ich bin ein Popstar des Untergangs“ – Songwriter und Countrysänger Gunter Gabriel über sein Comeback, seine gefühlte Nähe zu Obdachlosen und seine Unfähigkeit, Glück auszuhalten

(aus Hinz&Kunzt 203/Januar 2010)

Treffpunkt Oberhafenkantine. Wir kennen Gunter Gabriel seit Jahren, noch aus Zeiten, als ein Comeback des einstigen Truckeridols in weiter Ferne schien. Damals sang der Zwei-Meter-Mann auf unserer Weihnachtsfeier und bei einer Gedenkfeier für unsere verstorbenen Hinz&Künztler. Obwohl er chronisch überschuldet war, natürlich trotzdem umsonst. Jetzt lässt er sich auf die Holzbank fallen und legt gleich los. Eins hat sich jedenfalls nicht verändert: Egal wo und wozu er gerade unterwegs ist, er ist immer ganz da.

Gunter Gabriel: Ich hab schon die Überschrift für den Artikel!
Hinz&Kunzt: Jetzt schon?
Gabriel: „Meine Gitarre hat mir das Leben gerettet.“ Ich bin nämlich eigentlich dafür prädestiniert, unterzugehen. Die Romantik des Untergangs habe ich ja gepflegt.

H&K: Absichtlich?
Gabriel: Als ich gemerkt habe, ich gehe unter, habe ich gedacht: Dann gehe ich eben unter. Das war Mitte der 80er, als ich vor die Wand gefahren bin und merkte: Ich bin erledigt. Als jeder sich von mir abgewandt hat, meine Ehe im Eimer war … diesen ganzen Zustand, den hab ich auf mein Hausboot gerettet. Ich hab mich ja nie wieder richtig berappelt, weil keiner mehr etwas von mir wissen wollte. Ich bin ein Popstar des Untergangs. Auch viele Obdachlose pflegen diesen Zustand – als eine Art Popstars des Untergangs.

H&K: Verbindet dich das mit Obdachlosen?
Gabriel: Ja. Das sind Menschen, die vom Leben nicht gerade geküsst worden sind. Ich kann mich sehr gut mit ihnen identifizieren. Weil ich auch nicht geküsst worden bin vom Leben. Trotzdem war ich ein Glückspilz.

H&K: Wie das?
Gabriel: Im Pech hab ich wieder Glück, weil ich ja trotz allem so positiv drauf bin. Jammern gibt’s nicht. Ich sag zwar Scheiße, aber dann ist auch Schluss.

H&K: Du hast ja für eine relativ geringe Gage Wohnzimmertouren gemacht, um von deinen Schulden runterzukommen. Bist du jetzt schuldenfrei?
Gabriel: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die Wohnzimmertouren waren nur ein Symbol, wie man aus der Scheiße rauskommen kann. Aber der Nebeneffekt war viel geiler, womit ich gar nicht gerechnet habe und was mir sehr gut getan hat: Dass ich wirklich geliebt werde von Leuten, die sich an meinen Songs mental hochgezogen haben. Du kommst plötzlich ins Wohnzimmer von Leuten, die normalerweise einen Promi gar nicht erst empfangen. Dieses Erlebnis: Da ist einer aus dem Fernsehen, und der sitzt bei mir auf dem Sofa. Und umgekehrt: Ich lerne Menschen ganz nah kennen.

H&K:
Daraus haben sich richtige Freundschaften entwickelt und du hast auch ganz heftige Erlebnisse gehabt.
Gabriel: Ja, da war zum Beispiel ein Euro­pa­abgeordneter aus Potsdam. Er hatte einen schönen Garten, Anlage aufgebaut, seine Gäste saßen im Garten, und da sagt er zu mir: „Ich muss dir noch was sagen: In einem halben Jahr bin ich tot. Ich kann nicht mehr, ich bin voll von Metastasen. Aber dich wollte ich noch erleben.“ Ich hab ihn in den Arm genommen, und wir haben beide geweint. Inzwischen ist er gestorben.

H&K: Viele dieser Fans haben dich trotz Gage zusätzlich beschenkt.
Gabriel: Ja, gerade erst hat mir ein Spediteur, für dessen Trucker ich im Sommer gespielt habe, einen ganzen Tank voller Heizöl geschenkt. Und das meine ich damit, dass ich ein Glückspilz bin.

H&K: Viele Menschen haben dich fallen gelassen. Allerdings auch, weil du dich nicht immer toll verhalten hast, oft zu deutlich gesagt hast, was dir nicht passt. Manchmal sogar ausgerastet bist.
Gabriel: Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht, bist du nicht mehr nett. Da wirst du unter Umständen zum Mörder. Darum haben wir ja einen Sozialstaat. Wenn wir den nicht hätten, würden sich alle gegenseitig umbringen. Als mir
das Wasser bis zum Hals stand, durfte mir keiner komisch kommen. Nett verhalten kannst du dich dann nicht mehr. Deshalb verstehe ich viele, die obdachlos sind: Da bist du nicht mehr normal.
Da geht es um Leben und Tod, und hier sitzt einer, der das mitgemacht hat. Deswegen kann ich jeden verstehen, der mal ausrastet.

H&K: Die Jahre vor deinem Comeback waren hart. Positiv oder wegen neuer Alben bist du nicht in die Schlagzeilen gekommen.
Gabriel: Ich hatte ja auch nichts mehr an-zubieten.

H&K: Du sagst, dein Comeback hättest du zwei Menschen zu verdanken: dem Eventmanager Werner von Moltke, den du zufällig auf einer Autobahnraststätte getroffen hast und der dir sagte: „Sing mal Lieder von anderen!“ Und Rita Flügge-Timm vonWarner Music.
Gabriel: Die beiden haben mich begriffen, sie haben mich geliebt. „Aus dir machen wir was. Du bist noch nicht so fertig, dass du nicht noch mal aus der Hose kommen kannst.“ Und damit hatten sie recht. Mein Turbolader konnte nicht mehr so richtig durchstarten, weil ich einfach niemanden mehr hatte, der sagte: Komm, wir machen was zusammen!

H&K: Zwei Menschen haben an dich geglaubt. Hat das bei dir etwas verändert?
Gabriel: Ja. Ich konnte es nicht ertragen. Ich konnte diese Zuneigung und Liebe und Begeisterung nicht ertragen, weil ich es nicht gewohnt war. Ich hatte immer Probleme, musste mich immer verteidigen. Auf einmal fingen die an, mich zu umarmen – und ich bin in Tränen ausgebrochen. Meine letzte Frau hat das großartige Wort geprägt: Gabriel kann mit Glück nicht umgehen. Es stimmt: Was ich vorne aufbaue, schmeiße ich hinten wieder um. Das ist so eine Macke von mir. Ich kann wahrscheinlich nur mit Unglück umgehen.

H&K: Dein Vater war nicht besonders liebevoll, er hat dich regelmäßig brutal geprügelt – und deine Mutter ist gestorben, als du vier Jahre alt warst.
Gabriel: Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich mit Frau-Mann-Beziehungen nicht klar komme. Ich habe natürlich viele Frauenbekanntschaften gehabt, aber ich habe nie etwas halten können, weil ich damit einfach nicht umgehen konnte. Das ist tragisch. Ich habe alles erreicht, aber dieses kleine schöne Glück habe ich eben leider nicht. Ich hatte viel mehr Stunden der Einsamkeit als glückliche Stunden.

H&K: Okay?!
Gabriel: Natürlich habe ich viele Frauen kennengelernt, die jeder kennenlernt, wenn er in dem Business arbeitet, auch Frauen, die schnell bereit sind, das Bettlaken glatt zu streichen. Aber ich hab das nie ausgenutzt. Ich hatte immer ein paar Frauen, die mir was bedeutet haben. Meine vier Ex-Frauen sind immerhin meine Schwestern jetzt. Was auch nicht so ganz normal ist. Also muss schon irgendwas gut gewesen sein an den Beziehungen.

H&K: Dein Comeback ist richtig sichtbar. Die Plattenfirma stellt dir jetzt sogar einen Fahrer.
Gabriel: Wenn ich irgendwo anhalte, darf ich erst aussteigen, wenn er die Tür aufmacht. Ich sag: „Ich kann meine Tür selbst aufmachen.“ Er: „Du bist ein Star und ich mach die Tür auf.“ Ist doch un-glaublich!

H&K: Aber du magst es schon, oder?
Gabriel: Ich mache es mit Augenzwinkern mit. Ich bin ja ein Sohn aus dem Volke. Ich finde es toll, dass die mich so liebkosen, aber ich brauche es nicht. Ich finde es toll als Symbol: Du bist uns was wert. Plötzlich bin ich manchen Leuten etwas wert. Übrigens auch den Leuten auf der Straße, die vorher naserümpfend gesagt haben: Da ist die gescheiterte Figur Gabriel. Zum Beispiel die Taxifahrer am Hauptbahnhof.

H&K:
Bleibst du auf deinem Hausboot oder ziehst du jetzt in eine Villa?
Gabriel: Klischee!!!! Mein Leben bleibt so. Ich bin sogar sehr glücklich. Ich habe heute noch so gedacht: Ich hab mich ja immer gegen Hamburg gewehrt, aber ich glaube, das ist jetzt doch meine Heimat. Früher habe ich gesagt: Ich bin ein Berliner. Aber die Stadt ist entpolitisiert, seit die Mauer gefallen ist. Heute ist Berlin nur noch eine In-Stadt.

H&K: Du lässt langsam zu, dass du dich an etwas bindest – womöglich an Hamburg?
Gabriel: Ich bin eigentlich heimatlos. Das kommt natürlich durch meinen Vater, der bei der Bundesbahn Schrankenwärter war, der wurde immer wieder versetzt in eine andere Stadt. Ich konnte nirgendwo Wurzeln schlagen. Ich bin kein sesshafter Mensch, aber ich glaube, ich könnte hier bleiben, weil ich das Leben vom Wasser aus genieße, das ist etwas ganz, ganz Großes. Diese Freiheit, die ich habe – und die Möglichkeit, letzten Endes doch abhauen zu können.

H&K: Gunter, vielen Dank für das Gespräch.
Gabriel: Noch ’ne kleine Geschichte: Ich wollte immer schon mal als Straßensänger durch Deutschland reisen. Früher konnte ich mir das nie leisten. Sonst hätten die Leute gedacht: Jetzt ist er ganz fertig. Diese Form des Direkt-am-Menschen-dran-Sein – das wär die Krönung meines Lebens.

Interview:Birgit Müller

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