Musiker Jan Delay: „Alles wird dem Reim untergeordnet“

Wir treffen Jan Delay im Büro seines Labels auf St. Pauli. Der Künstler sieht cool aus mit seinem Basecap und den Streetwear-Klamotten. Er ist höflich und konzentriert, obwohl er schon einen langen Interview-Tag hinter sich hat. Außerdem ist er bedrückt. Vor wenigen Tagen ist die Hamburger Graffiti- und Hip-Hop-Legende Eric im Alter von 40 Jahren von einem Zug erfasst und getötet worden. Jan Delay zeigt uns mehrere frisch gesprühte Bilder, die von Trauernden aus der Szene zum Andenken an Eric direkt um die Ecke der Agentur an Hauswände gesprüht wurden. Er möchte auch unbedingt dort fotografiert werden.

(aus Hinz&Kunzt 205/März 2010)

01HK205_Titel_05.inddHinz&Kunzt: Wer war Eric?
Jan Delay: Eric war so etwas wie der „Godfather of Hamburg Hip-Hop“. Das erste ernst zu nehmende Graffiti-Piece in Hamburg ist von ihm. Es war in diversen Zeitungen und es gab sogar Postkarten davon. Nicht durch dieses Bild, sondern durch seine Aktivitäten war er der Pionier und Pate der Szene und hat sich immer aufopfernd um alle gekümmert.

H&K: Inwiefern?
Delay: Er hat in der Hafenstraße gewohnt und wann immer jemand Stress hatte zu Hause, dann konnten wir bei ihm pennen. Und er hatte einen Treffpunkt, wo wir jede Woche zusammen zeichnen, malen, auflegen und rappen konnten. Mit Eric hat Hamburg jemanden verloren, der mit ganzem Herzen dafür gesorgt hat, dass die Hamburger Kids kreativ sind und bleiben und dass die Gewalt draußen bleibt.

Behütet und gewaltfrei ist auch Jan Delay aufgewachsen. Er wird 1976 als Jan-Philipp Eißfeldt in Hamburg geboren und wächst in einem künstlerisch sehr aufgeschlossenen Elternhaus in einer Jugendstilvilla in Hamburg-Eppendorf auf. Ein Stadtteil, um den er inzwischen einen weiten Bogen macht.

H&K: Hat deine Herkunft deine Musik beeinflusst?
Delay: Als Kind fand ich es in Eppendorf schön. Ab zehn bin ich dann aber in Eimsbüttel zur Schule gegangen und habe da auch Abi gemacht. Meine ganzen Freunde waren auch in Eimsbüttel oder Winterhude. Das eklige Eppendorf habe ich erst später kennengelernt.

H&K: Was war denn so schrecklich an Eppendorf?
Delay: Während meines Zivildienstes musste ich mich tagsüber auf den Straßen von Eppendorf herumtreiben, mit den militanten, reichen Müttern, die ihre Töchter im Geländewagen von der Schule abholen und in schicken Cafés die Übernahme der nächsten Boutique planen. An dem Tag, als der Zivildienst zu Ende war, konnte ich endlich Eppendorf verlassen. Ich bin an dem Tag ausgezogen. Es gibt auch null Ausländer in Eppendorf, es ist nicht auszuhalten.

Der Rap, den Jan Delay mit zehn Jahren entdeckt, lässt ihn nicht mehr los. Mit 13 Jahren gründet er mit einem Freund ein Hip-Hop-Fanzine und taucht in die sich gerade formierende deutsche Hip-Hop-Szene ein. Später gründet er mit Freunden die Rap-Band „Absolute Beginnerz“, die große Erfolge mit deutschem Rap feiert.

H&K: Wie bist du damals eigentlich darauf gekommen, auf Deutsch zu singen? Das war zum Beginn deiner musikalischen Karriere ja eher ungewöhnlich.
Delay: Ich wusste, ich will nicht auf Englisch rappen, weil ich nicht so gut Englisch kann. Auch die, zu denen ich spreche, können kein Englisch. Martin und Dennis damals bei den Beginnern fanden das peinlich und wollten auf Englisch singen, aber die Tapes der Pioniere von Advanced Chemistry (Urväter des deutschen Rap, d. R.) haben sie überzeugt. Auf einmal war es nicht mehr peinlich. Und so wurden aus uns die Absoluten Beginner. Wir haben dann sogar Texte vom Englischen ins Deutsche übersetzt, die wir schon hatten.

Eine gute Entscheidung, denn die Band kommt groß heraus. Seit 2004 ist Jan Delay solo unterwegs und hat sich zum Superstar entwickelt. Auf der Straße erkennt ihn inzwischen beinahe jedes Kind. Musikalisch lässt er sich abseits vom Rap inspirieren: Für seine drei Solo-Alben bediente er sich bei Reggae, Soul und Funk. Im Sommer 2009 erschien „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“.

H&K: Gibt es Themen, über die du nicht singen würdest?
Delay: Nicht direkt. Ich würde niemals etwas Politisches-Kritisches machen, wenn mir dazu keine schönen Bilder, keine schöne Geschichte, keine entertainende Sprache einfällt. Dann würde ich es lassen. Alles wird dem Reim untergeordnet, dem guten Reim. Wenn es keinen Reim zu dem Thema gibt, dann wird das Thema fallen gelassen.

H&K: Was wird dein nächstes Projekt?
Delay: Weiß ich noch nicht. Ich bin jetzt erst mal noch ein dreiviertel Jahr unterwegs und was danach kommt, darüber mache ich mir keine Sorgen. Bisher hat sich immer etwas ergeben.

H&K: Und wirtschaftlich kannst du dir eine
Pause leisten?
Delay: Ja, ich habe ein Dach über dem Kopf, um jetzt im Hinz&Kunzt-Vokabular zu reden.

Sybille Arendt

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